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  Willem Briedé aus Amsterdam

- In den Niederlanden zum Tode verurteilt, lebte er fast 20 Jahre lang unerkannt in Lintorf -


In dem beim Siedler-Verlag erschienenen Buch „Kopfgeld“ des Niederländers Ad van Liempt[1] heißt es: „Das Gericht hat denn auch in Abwesenheit die Todesstrafe über ihn verhängt. Dieses Urteil hat aber Briedé nie erreicht. Wir wissen nur, dass er siebzehn Jahre lang in völliger Freiheit auf seine Laufbahn als „Judenfänger“ hat zurückblicken können. Der Mann, der so viele untergetauchte Juden aufgespürt hatte, war unauffindbar. Zuletzt lebte er im Ruhrgebiet, in Lintorf, in der Nähe von Ratingen. Er wohnte am Speckamp[…], in der Seitenstraße einer Durchgangsstraße. Er starb am Neujahrstag 1962 um halb sieben Uhr abends im Alter von achtundfünfzig Jahren, völlig unerkannt. Willem Briedé, der die Jagd auf Tausende von unschuldigen Menschen leitete, war es geglückt, sich dem Zugriff der Justiz zu entziehen.

Ich wollte nicht glauben, was dort geschrieben steht. Warum sollte sich ausgerechnet in Lintorf, dem Ort, den ich aus meiner Kindheit doch nur als ein etwas verschlafenes Dorf in Erinnerung habe und in dem fast jeder jeden kennt, ein zum Tode verurteilter Verbrecher verstecken?

Ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Einer meiner ersten Wege führte mich in das Niederländische National Archiv nach Den Haag, hier ist das Zentralarchiv des Sondergerichts für Kriegsverbrechen untergebracht. Nachdem ich mein Anliegen dort schriftlich mitgeteilt hatte, wurde mir innerhalb kurzer Zeit die Genehmigung erteilt, die Prozessakte[2] wie auch die Akte des damals ermittelnden Staatsanwaltes[3] einzusehen.

Das Studium dieser Akten war erschütternd. Das Erste, was ich beim Aufschlagen der Prozessakte sah, war ein Stapel Quittungen. In absolut pedantischer Weise sind hier, in ordentlicher Handschrift, die Namen, Geburtsdaten und Adressen derjenigen Juden aufgeführt, dieman in ihren Verstecken aufgespürt und in der Amsterdamer „Schouwburg“ abgeliefert hat. Die „Hollandse Schouwburg“ war ein großes Theater an der Plantage Middenlaan in Amsterdam-Ost. Es wurde als Melde- und Sammelstation für Juden aus Amsterdam und Umgebung von einer privaten Aktiengesellschaft angemietet. Von Juli 1942 bis September 1943 durchliefen 15.000 Juden diese Zwischenstation, um von dort über das KZ-Sammellager Weserbork bei Assen in der Provinz Drenthe in die Vernichtungslager im Osten transportiert zu werden.

Auf diesen Quittungen steht hinter jedem Namen der abgelieferten Person der Betrag von 7,50 Gulden – darunter der Name der Person, die sie im Sammellager empfangen hat und auch die Namen der Personen, die sie dort abgeliefert haben - und natürlich die Unterschrift des Zahlungsempfängers. Fein säuberlich und korrekt wurde Buch geführt über die Menschen, die nach Sobibór oder Auschwitz geschickt wurden.

Es sind nicht alle Belege erhalten geblieben, aber aus den noch vorhandenen Unterlagen lässt sich rekonstruieren, dass es in diesem Prozess um die Verurteilung der Täter ging, die für die Deportation von 8.000 bis 9.000 Juden verantwortlich sind. Sie gehörten der sogenannten „Kolonne Henneicke“ an. Insgesamt 54 Männer, die Jagd auf versteckte Juden gemacht haben. Sie durchkämmten Amsterdam und Umgebung, um das Kopfgeld zu kassieren. Bereits nach sechs Monaten konnte die Kolonne aufgelöst werden, denn die Suche nach den letzten versteckten Juden war erfolgreich beendet und die Opfer in die Vernichtungslager deportiert worden.

Der Leiter dieser Kolonne war der 1903 in Amsterdam geborene und zuletzt in Lintorf wohnhaft gewesene Willem Henrik Benjamin Briedé.

Die „Kolonne Henneicke“ gehörte der dem „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR)“[4]in Berlin unterstellten „Hausratserfassungsstelle“ an, die jüdischen Hausrat in Frankreich, Belgien und den Niederlanden beschlagnahmte, der für die Einrichtung und Instandsetzung von Verwaltungen, Büros und Wohnungen fürAngestellte - unter anderem im Rheinland - benötigt wurde. In den Niederlanden wurde daher der „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg, Hauptarbeitsgruppe Niederlande“ gegründet und innerhalb dieser Organisation hatte die „Hausratserfassungsstelle“ die Aufgabe, die konfiszierten Güter zu inventarisieren. Sie bestand aus vier Abteilungen, die als „Kolonnen“ bezeichnet wurden. Eine dieser Kolonnen hatte die Aufgabe, „gestohlenes und unterschlagenes jüdisches Eigentum“ aufzuspüren. Leiter dieser Abteilung war Wim Henneicke (daher die Bezeichnung „Kolonne Henneicke“), der neben einem Stamm von zeitweise ca. 50 Mitarbeitern im Außendienst auch über einen großen Kreis von Informanten verfügte.

In den Unterlagen des Niederländischen National Archivs in Den Haag befinden sich neben den noch erhaltenen Papieren der Hausratserfassungsstelle auch Protokolle mit Zeugenaussagen. Aussagen von Überlebenden, denen die Flucht aus der „Schouwburg“ gelang und auch von Niederländern, die jüdische Familien versteckt oder deren Kinder in ihren Familien aufgenommen hatten.

Aber es würde zu weit führen, dies hier alles wiederzugeben, zumal das bereits ausführlich in dem Buch „Kopfgeld“ von A. van Liempt geschehen ist. Ich will daher hier nur über meine Erkenntnisse im Zusammenhang mit Willem Briedé, dem „Chef“ der Kolonne Henneicke berichten.

Briedé, der seit 1934 Mitglied der NSB[5] war, trat am 1. April 1942 die Stelle als Personalchef der Hausratserfassungsstelle an. Vorher war er Angestellter am Amsterdamer Schlachthof. Die neue Stelle war mit einem guten Gehalt von 290 Gulden monatlich dotiert. Bereits nach acht Monaten übernahm er das Amt des Chefs der Hausratserfassungsstelle, und sein Monatsgehalt wurde auf 390 Gulden erhöht. Ein relativ hohes Gehalt für die damaligen Verhältnisse.

Offiziell waren die Männer dieser Dienststelle Angestellte in der Filiale der Firma Lippmann, Rosenthal Co in der Sarphatistraat. Nach der Reorganisation im Jahr 1941 übernahm diese ehemals ehrbare jüdische Bank die Aufgabe, den „beschlagnahmten“ jüdischen Besitz zu Geld zu machen. Daher waren, wie aus den Prozessakten hervorgeht, nicht alle Ehefrauen und Familien der Männer über deren tatsächliche Aufgaben und Tätigkeiten informiert.

Ab März 1943 übernahm die Kolonne Henneicke dann eine zusätzliche Aufgabe: Die Jagd nach versteckten Juden. Hierfür wurde eine Prämie von 7,50 Gulden je abgeliefertem Juden gezahlt. Henneicke führte genau Buch: vom 4. März bis 12. Mai wurden Prämien für 6.770 „verhaftete“ Juden und vom 13. Mai bis 8. Juni für 757 „verhaftete“ Juden ausgezahlt. Die Zahlen für die Monate Juni und Juli fehlen, und im August und September erfolgten 723 Verhaftungen.

Willem Christiaan Heinrich Henneicke und Willem Hendrik Benjamin Briedé waren zweifelsfrei die Anführer der Prämienjagd auf Juden. Es ist belegt, dass Briedé sich auch persönlich daran beteiligte. Einer der Überlebenden schildert in einer Zeugenaussage Briedés Beschimpfungen, die er bei seiner Verhaftung über sich ergehen lassen musste. Er beschreibt auch, dass Briedé zielsicher zu der Stelle ging, wo die Wertsachen versteckt waren: es war also ganz offensichtlich, dass es sich um eine Denunziation handelte. Auf die Frage, wer sie verraten hätte, teilte Briedé freimütig den Namen des Denunzianten mit, weil er „ja sowieso vergast werden würde und nicht mehr reden könne“.

Nach Durchsicht der Akten bleiben keine Zweifel: Die Männer der Kolonne wussten, was mit den Menschen geschehen würde, nachdem sie sie in der „Schouwburg“ abgeliefert hatten.

Nicht nur die Anführer, auch die Mitglieder der Kolonne lebten in besten finanziellen Verhältnissen. Neben den Prämien, die sie pro Kopf erhielten, waren da ja auch noch die Prämien für das beschlagnahmte Vermögen. Außerdem nutzten sie offensichtlich alle Möglichkeiten, sich durch Unterschlagung und Erpressung zu bereichern. Fast alle wohnten in „besseren“ Wohnvierteln und einige hatten nicht nur den Wohnraum, sondern gleich den kompletten Hausrat von deportierten jüdischen Familien „übernommen“.

Etwas Persönliches geht über Briedé und Henneicke aus den Prozessakten kaum hervor, da sie nie selbst vernommen werden konnten.Zum Zeitpunkt des Prozesses im April und Mai 1949 war Briedé untergetaucht und Henneicke bereits tot.

Briedé ahnte sicherlich, was ihm bevorstand, denn noch am 2. September 1944 beantragte er in Amsterdam einen Reisepass[6]. Am 5. September 1944 gingen Gerüchte um, dass an diesem Tag die Befreiung der Niederlande durch die Alliierten erfolgen solle. Am Tag zuvor hatten sie Antwerpen eingenommen, und der Ministerpräsident hatte im Radio bekanntgegeben, dass die Alliierten die Grenze passiert hätten und nun die Stunde der Befreiung gekommen sei. Man rechnete mit der Einnahme Rotterdams am selben Tag sowie mit der Utrechts und Amsterdams am 6. September.

Bei den deutschen Besatzern und den Mitgliedern der niederländischen Nationalsozialisten in der NSB brach daraufhin Panik aus; in aller Eile wurden Dokumente vernichtet und mehr als 30.000 NSB-Mitglieder flohen mit ihren Familien aus den Niederlanden nach Deutschland.

So auch die Familie Briedé. Zwar wurde die Miete für die mit wertvollen Möbeln ausgestattete Amsterdamer Wohnung weiterhin bezahlt, aber Nachbarn sagten aus, dass die Wohnung lange unbewohnt war.

Die Anklage gegen Briedé wurde am 29. April 1949 vor dem Nachkriegssondergericht verhandelt und er wurde am 13. Mai 1949 in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Alle ihm zur Last gelegten Vorwürfe galten als erwiesen. Das Urteil enthält den Vermerk, dass er intensiv bei der Durchführung verbrecherischer Maßnahmen zur Deportation und Ausrottung von Juden mitgearbeitet hat und auch nicht davor zurückschreckte, persönlich mehrmals kleine jüdische Kinder ihren ärgsten Feinden auszuliefern. Unklar blieb in diesem Prozess nur ein Punkt: Der Verbleib einer Summe von 100.000 Gulden. Es konnte nicht eindeutig geklärt werden, ob Briedé diese Summe – Effekten aus jüdischem Besitz - die er bei einem Notar beschlagnahmt hatte, unterschlagen oder beim Sicherheitsdienst abgeliefert hatte.

Gegen Henneicke wurde keine Anklage erhoben, da er im Dezember 1944 in Amsterdam auf offener Straße von unbekannten Tätern mit sechs Schüssen getötet wurde.

Briedé lebte unerkannt bis zu seinem Tod am 1. Januar 1962 in Lintorf. Aber warum versteckte er sich ausgerechnet in Lintorf?

Im Stadtarchiv Amsterdam fand ich neben den Meldekarteien[7] und der Kopie des bereits erwähnten Passantrages auch seine Geburts- und Heiratsurkunde. Er wurde am 5. April 1903 in Amsterdam geboren und heiratete am 25. Juli 1929 die aus Essen stammende Maria Gertrud Johann, die, wie so viele deutsche junge Frauen in dieser Zeit [8], als Hausmädchen in Amsterdam arbeitete. Die Eheleute Briedé hatten eine Tochter, die 1931 in Amsterdam geboren wurde.

In seinem Antrag auf Ausstellung eines neuen Reisepasses am 2. September 1944[9] gibt Briedé seine Tätigkeit ganz bescheiden mit „Buchhalter“ an, und aus den Meldekarteien geht hervor, dass er Mitglied der NSB war.

Ich hoffte nun, dass ich in den deutschen Archiven weitere Antworten finden würde.

Als Erstes nahm ich natürlich Einsicht in die Meldekartei des Amtes Angerland im Stadtarchiv Ratingen. Hier steht, dass der Niederländer Willem Briedé aus dem Durchgangslager Augsburg nach Lintorf kam und seit dem 3. September 1945 in Lintorf bei Familie K., Am Markt 2-3, wohnte. Im Oktober 1946 zog er zu einer Familie auf der Krummenweger Straße und ab April 1951 mietete er ein Zimmer im Lintorfer Männerasyl auf der Angermunder Straße.

Aus der Meldekartei geht auch hervor, dass er zumindest 1952/53 bei der Firma Schloemann auf der Steinstraße in Düsseldorf arbeitete.

Seit 1956 wohnte er zur Untermiete bei einer Familie am Speckamp.

Aber wo war er von September 1944, dem Zeitpunkt seiner Flucht aus den Niederlanden, bis zu seiner Ankunft in Lintorf am 3. September 1945? Wieso kam er, nachdem er offensichtlich schon ein Jahr in Deutschland lebte, 1945 nach hier?

Mein einziger Anhaltspunkt war der Hinweis in der Meldekarte auf das Durchgangslager Augsburg. Im Landesarchiv in Augsburg sind aber keine Unterlagen über die Durchgangslager aus der Zeit vor Oktober 1945 vorhanden, und in den Melderegistern und Standesamtsunterlagen der Stadt Augsburg ist ebenfalls kein Hinweis auf die Familie zu finden. Mittlerweile habe ich starke Zweifel, dass sie überhaupt in Augsburg war. Aber welche Möglichkeiten gab es noch, um etwas Licht in diese Geschichte zu bringen?

Bei nochmaliger Einsicht in die Amsterdamer Unterlagen stellte ich dann fest, dass da doch noch weitere Informationen vorhanden waren. Aus einer Karteikarte[10], die vor der Heirat angelegt worden war, geht nämlich hervor, dass Frau Briedé aus Osterfeld nach Amsterdam kam.

Ich wandte mich also an das Oberhausener Stadtarchiv und erfuhr, dass ihre Mutter im Jahr 1944 immer noch in Osterfeld gewohnt hat. Und tatsächlich: auch die Familie Briedé war ab dem 6. September 1944 dort gemeldet, verzog aber bereits wenige Tage später, nämlich am 14. September, nach „Württemberg“. Vermutlich wäre die Suche nach dem Verbleib von Willem Briedé hiermit zu einem Ende gekommen, wäre nicht Frau Briedé sterbenskrank gewesen. Denn ab dem 6. August 1945 war sie, zusammen mit der Tochter, abermals in Osterfeld gemeldet. Sie verstarb wenige Wochen später in einem Oberhausener Krankenhaus an Nierenversagen. Die Tochter blieb noch drei Monate bei der Großmutter in Osterfeld und zog dann lt. Meldekartei nach Bayern.

In der Sterbeurkunde[11] der Marie Gertrud Briedé heißt es: „verheiratet mit dem Büroangestellten Wilhelm Hendrik Benjamin Briedé, Wohnort nicht bekannt“. Das kann aber nicht den Tatsachen entsprochen haben, denn wie ja aus der Lintorfer Meldekartei bekannt ist, war Willem Briedé genau vier Wochen, nachdem seine Frau wieder in Osterfeld wohnte, offiziell in Lintorf gemeldet.

Damit ist aber immer noch nicht klar, warum er ausgerechnet nach Lintorf kam. Sicherlich war die Nähe zu Oberhausen ausschlaggebend – aber trotzdem…. warum Lintorf?

Ich hatte eigentlich wenig Hoffnung, in Essen noch Hinweise zu finden. Aus den alten Adressbüchern geht lediglich hervor, dass die Familie von Frau Briedé bis 1913 dort wohnte, und Melderegister sind aus dieser Zeit nicht mehr vorhanden. Dann kam ich im dortigen Stadtarchiv aber doch einen Schritt weiter. Hier sind nämlich die Geburtsurkunden[12] von Frau Briedé, geborene Johann, und ihrer Geschwister zu finden, und auf der Geburtsurkunde einer Schwester ist der Vermerk angebracht, dass sie 1971 in München verstarb. Ich bat also beim Stadtarchiv München um Auskunft über diese Schwester. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten und brachte wieder Neuigkeiten. Catharina K., geborene Johann, verstarb dort am 10.Januar 1971[13]. Hatte nicht Willem Briedé in Lintorf bei einer Familie K. gewohnt? Aber in der Meldekartei im Ratinger Stadtarchiv ist keine Karte dieser Familie K. vorhanden!

Und wieder half der Zufall weiter. Auch die Sterbeurkunde aus München enthält einen Vermerk, nämlich, dass die Verstorbene in Erfurt geheiratet hatte.

Einige Wochen später hatte ich dann auch eine Kopie dieser Heiratsurkunde[14] und schon „fast“ die Bestätigung für meine Vermutung. Auch diese Urkunde enthielt wieder einen Randvermerk: Fritz K. starb 1954 in Kaiserswerth.

Die endgültige Bestätigung, dass dieser Fritz K. in Lintorf gewohnt hatte, könnte nun in seiner Sterbeurkunde gefunden werden, aber durch den Umzug des Düsseldorfer Stadtarchivs waren die Urkunden längere Zeit nicht zugänglich und sollten auch nach der Wiedereröffnung im Juli 2010 noch für längere Zeit nicht einsehbar sein, da sie digitalisiert werden.

Ich hatte noch eine letzte Idee, wo man etwas über Fritz K. erfahren könnte: Die Entnazifizierungsakten im Landesarchiv in Düsseldorf. Und hier fand ich dann die Bestätigung:Fritz K. – der übrigens gemäß der E-Akte absolut „sauber“ und nie Mitglied der NSDAP war – gab darin als Adresse Lintorf, Am Markt 2-3 an[15]

Und damit ist geklärt, warum Willem Briedé sich in Lintorf niederließ: Als seine Frau sterbenskrank war, kamen die Briedés mit ihrer Tochter zur Großmutter nach Oberhausen. Auch wenn Briedé. zu dieser Zeit noch nicht verurteilt war, konnte er keinen Zweifel gehabt haben, dass man ihn früher oder später zur Rechenschaft ziehen würde. Und das war wohl der Grund, warum er nicht zusammen mit seiner Tochter bei der Schwiegermutter wohnte, sondern es vorzog, in Lintorf bei der Familie seiner Schwägerin zu wohnen.

Was ihn aber bewogen hat, nach dem Tod seiner Frau weiter in Lintorf wohnen zu bleiben, wird wohl für immer ungeklärt bleiben.

Zwei Lintorfer Zeugen – damals noch Jugendliche – beschreiben den ehemaligen Untermieter ihrer Eltern, „dor Breede“ bzw. „den langen Holländer“, als ruhigen, unauffälligen Menschen, der nie Besuch hatte, in Düsseldorf arbeitete, an den Wochenenden gerne zu Pferderennen ging und dort auch wettete. Einer konnte sich noch sehr gut erinnern, dass seine Mutter ihm häufig Tee machte, da er leberkrank war.

Willem Briedé lebte sehr zurückgezogen, und die Familien, bei denen er hier wohnte, wussten nichts von seiner Vergangenheit.

Er starb am 1. Januar 1962 im Katholischen Krankenhaus in Ratingen an Leberzirrhose und wurde vier Tage später vom Lintorfer Pfarrer Bever auf dem evangelischen Friedhof in Ratingen beerdigt.[16]

So viele Juden hat er aufgespürt und in den sicheren Tod geschickt, aber selbst blieb er 17 Jahre lang unauffindbar - in Lintorf.

 

Die Recherche erfolgte im Jahr 2010 und der vorstehende Bericht wurde im Jahrbuch des Vereins Lintorfer Heimatfreunde eV. "Die Quecke" Nr. 80 (Dez. 2010) veröffentlicht
© Barbara Lüdecke


Quellenangaben:

[1] Die deutsche (leider nicht immer korrekt übersetzte) Ausgabe des 2002 in Amsterdam erschienenen Buches „Kopgeld – Nederlandse premiejagers of zoek naar joden 1943“, herausgegeben von dem niederländischen Journalisten, Buchautor und Chefredakteur der TV-Geschichtsreihe „Andere Tijden“ (Andere Zeiten) Ad van Liempt.

[2] National Archiv in Den Haag, Sign. CABR, 2.09.09, Bijzonder Gerechtshof Amsterdam 221/49, inv. nr. 64373

[3] National Archiv in Den Haag, Sign. Gelinck, 2.21.281.40, inv. nr. 2

[4] Der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) zählt zu den großen "Rauborganisationen" des "Dritten Reiches". Ausgestattet mit der Vollmacht, in den besetzten Gebieten Material für die Bekämpfung der "weltanschaulichen Gegner" des Nationalsozialismus "sicherzustellen", hat er in den besetzten West- und Ostgebieten unzählige Bücher, Dokumente und sonstige Kulturgüter aus dem Besitz von Bibliotheken, Instituten, Archiven, Privatleuten usw. in seine Hand gebracht; darüber hinaus war er am Kunstraub aktiv beteiligt. (Quelle: Bundesarchiv, Einleitung zum Bestand ERR)

[5] NSB: Die am 14. Dezember 1931 von A. Mussert und C. van Geelkerken in Utrechtgegründete Nationaal-Socialistische Beweging unterschied sich anfangs in Bezug auf Rassenpolitik von der NSDAP und nahm erst 1937 den Antisemitismus ins Parteiprogramm auf. (Quelle: Handboek van de Tweede Wereldoorlog, Teil 2, Verlag Het Spectrum Utrecht/Antwerpen, 1983.)

[6] Stadsarchief Amsterdam, Paspoortaanvragen 40-45; NL-SAA-7613484

[7] Stadsarchief Amsterdam, Persoonskaarten (1939-1994); NL-SAA-3423756

[8] 1933 arbeiteten ungefähr30.000 deutsche Hausmädchen in den Niederlanden, 1938 nur noch ungefähr 13.000. Quelle: L. de Jong„Het koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog“ Teil2 (-s-Gravenhage 1969), Seite 325-326.

[9] Stadsarchief Amsterdam, Paspoortaanvragen 40-45; NL-SAA-7613484

[10] Stadsarchief Amsterdam, Gezinskaarten, NL-SAA-2260636

[11] Stadtarchiv Oberhausen, Bestand Standesamt

[12] Stadtarchiv Essen, Bestand Standesamt

[13] Stadtarchiv München, Bestand Standesamt

[14] Stadtarchiv Erfurt, Bestand Standesamt

[15] Landesarchiv Düsseldorf, Bestand NW 1002 I – 39.870

[16] Sterberegister der ev. Kirche Lintorf

 
 

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