Homepage von
Barbara Lüdecke
Startseite
 
Meine Vorfahren
Generation I - XII
Bohn - Ratingen
Kalthoff - Plettenberg

Chronik Kalthoff
     
Lehrer F.W. Kalthoff
     
Gustav Kalthoff
     
Adolf Kalthoff
     
Wilhelm Kalthoff
     
August Kalthoff
     
Auguste Kalthoff
     
Rudolf Kalthoff
     
Julius Kalthoff
     
Richard Kalthoff
     Notizen
     
Erinnerungen
 
Nachkommen Perpeet
 
Lintorf
alte Grabsteine
Reformierte Gemeinde
Trauungen 1659-1809
Landkarte von 1630
Forschung Heintges
Nachkommen Heintges
 
Ratingen
Ref. Familien 1666
"Schiffstaufen" in Wittlaer
Hausnummern 1910
 
Dordrecht (van der Linden)
siehe unter Lintorf:
      
"Forschung Heintges"
 und
      "Nachkommen Heintges"
 
Verschiedenes
Links
Gästebuch
Impressum
Suchfunktion
e-mail
Auszug aus der Chronik des Lehrers Kalthoff

Abschriften von früher gemachten Notizen

18. Juni 1876 - Am 27. Mai d.J. bezog ich mein kleines Arbeitszimmer und richtete es möglichst passend ein. Am 28. Mai fand die Taufe des kleinen Wilhelm statt.

Gestern fabricierte ich dem Gustav und Adolf von Latten etc. ein Tischchen und ein Bänkchen und reparierte die kleine Karre; heute klebte ich ihnen 3 Bilderbogen auf und schnitt die Bilder aus. An alle diesem hatten sie sehr viele Freude. Sie schleppten damit fort und fort wie die Katze mit der Maus.

2. Juli 1876 - Gestern besuchte ich die amtliche Conferenz in Wesel. (Schulpfleger: Pfarrer Opdenhoff in Rees). Am Nachmittage fand in Oberhausen eine Generalversammlung der Mitglieder der Clevischen Lehrerwittwenkasse. 60 Lehrer etwa betheiligten sich an derselben.

Um meinen früheren Prinzipal Herrn Feld zu besuchen, reiste ich schon um 12 Uhr von Wesel nach Oberhausen. Zu meiner Freude fand ich die ganze Familie recht wohl, und wurde ich herzlich bewillkomment. Dem Versprechen gemäß wird uns die ganze Familie in den Herbstferien besuchen. (Dies hat leider nicht geschehen können).

Heute zog meine Frau dem kleinen Wilhelm das erste Kleidchen und die ersten Strümpfe an. Er sieht darin allerliebst aus, der kleine Junge.

Vom 9. bis 16. Juli fand hier Jahrmarkt, verbunden mit Schützenfest, statt. Gustav und Adolf haben bei dieser Gelegenheit zum ersten Male auf dem Karussel gefahren. Beide, besonders Adolf, fanden daran großes Vergnügen. In diesen Kirmestagen war meine Mutter bei uns zum Besuch. Sie und wir alle erfreuten uns in diesen Tagen recht sehr. Am Dienstag spazierten wir zum Polderbusch, für die Emmericher ein wohlbekannter Vergnügungsort.

Heute besuchten Pfarrer Reinhardt und Bäckermeister Peter Baardwyk als Schulvorsteher meine Schule. Ich unterrichtete in Naturgeschichte (Kornblume und Kornrade), veranschaulichte einen Bauernhof (Bild von Wylke), ließ singen ("Geh aus mein Herz", "Schier dreißig Jahre", "Ich ging im Walde" und "In allen meinen Thaten") und turnen. über die Leistungen der Kinder durfte ich recht zufrieden sein. Zahl der Schulkinder 112. Eine Stunde nahm die Revision der Lernmittel in Anspruch.

Seit einigen Tagen freuen wir uns ganz besonders über den kleinen Wilhelm. Er ist ein sehr ruhiges, freundliches Kind, kann schon herzlich lachen; er entwickelt sich auch körperlich immer besser.

Als Gustav einige Tage nach der Kirmeß vom Markte nach Hause kam und das abgebrochene Karussell gesehen hatte, sagte er: "Karussell ist umeschmisse, hat Onkel that, Onkel muß wieder aufsetze".

Adolf ist immer voll von: "Wau wauf" (Hund) und "Hott" (Pferd).

30. Juli 1876 - Heute trafen Bruder Gustav und dessen Braut zum Besuche bei uns ein. Um 11 Uhr gingen mein Bruder und ich zum Bahnhof, um unseren hier durchreisenden Kronprinzen zu sehen. Unsere Kirche, der Bahnhof und einige nahe liegenden Häuser hatten geflaggt. Die Spitzen der Behörden, der Kriegsverein, der deutsche Verein und mehrere Logenbrüder hatten sich zum Empfange vor den Bahnhof gestellt. Die "Volksmenge" war nicht sehr groß, von Ultramontanen sah man sehr wenige. Der Kronprinz war in Civil und sah sehr wohl aus. Er hat durch seine Freundlichkeit, Leutseligkeit und festes Auftreten auf alle Anwesenden den wohlthuendesten Eindruck gemacht.

5. September 1876 - Bruder Gustav blieb einige Tage bei uns, seine Braut hingegen reisete erst am 25. August wieder ab und zwar mit ihrer Mutter, die an diesem Tage bei uns war. Heute Abend erwarte ich meinen Bruder, mit dem ich eine Vergnügungstour nach Amsterdam zu machen gedenke.

Die beiden Kleinen, Gustav und Adolf, sind seit mehreren Wochen tüchtig am "exessiere", wie Gustav sagt. Mit Stampfen der Füße und Handklappen durchziehen sie im Takt Stuben und Fluren. Vor dem Marsch wird commandiert: Hau! Hau! und dann geht's. Sie haben das von den Turnschülern abgesehen. Am Sedanfest benutzten sie dabei die 2 Fähnchen, welche ich ihnen geschenkt hatte.

7. September 1876 - Die Reise nach Amsterdam ist gestern glücklich zurückgelegt worden. Mein Bruder hat dieselbe leider nicht mitmachen können. Da haben wir es dann möglich zu machen gewußt, daß meine Frau mitging. Unsere 3 Kinder wurden unserer früheren Wirtin, Karol. Bottländer, in Bewahrung übergeben. Morgens 6 Uhr fuhren wir von hier ab, um 9 3/4 Uhr waren wir in der holländischen Hauptstadt. In Gesellschaft von 6 anderen Personen durchwanderten wir die Stadt, besahen uns den Industriepalast, den Zuider See, den Thiergarten und das Judenviertel. Am längsten verweilten wir im Thiergarten und dem damit verbundenen Museum. Wir hatten Vormittags im "Port van Kler" gefrühstückt; im Thiergarten nahmen wir ein Beefsteak. Dies kostete einen Gulden. Abends 8 Uhr fuhren wir zurück und waren wir um 12 Uhr wieder in Emmerich. Die Fahrt kostete, da wir mit dem Vergnügungszug reiseten, Person 1 fl 30 Cents.

19 September 1876 - Heute vor 8 Tagen war ich in Grieth, um ein Dienstmädchen zu miethen. Das Mädchen, Margarethe Lienemann, war vorgestern mit seiner älteren Schwester bei uns. Meine Frau miethete es für den halbjährlichen Lohn von 20 Thalern und händigte ihm 1 Thaler Wirthsgeld ein. (Im 2. halben Jahr bekam es 24 Thaler.) Am 1. November tritt sie den Dienst an. (Sie wohnte 1 Jahr bei uns.)

Am vergangenen Samstag war Lehrer Luckenbach aus Meiderich hier und stellte uns seinen Mündel, Johannes von der Heyd und Sohn des verstorbenen Lehrers v.d.H., aus Meiderich, der hierselbst eine Zeitlang Gehülfe sein wird, vor.

Gestern abend machte mir Pfarrer Reinhardt die Mitteilung, daß College Tidden und ich je 300 Mark für den Unterricht erhielten, den jeder der halben Mittelklasse während 7 Monate ertheilt habe; außerdem bekäme ich 100 Mark für den Organistendienst, den ich im letzten Jahr für den 2. Organisten versehen habe.

2. Oktober 1876 - Gestern erhielt unser kleiner Gustav den ersten Knabenanzug, auf den er sich nicht wenig einbildet. Heute machte er seinen ersten Schulbesuch bei Fräulein Borlinghaus, Lehrerin an der Kleinkinderschule. Der Abschied wurde ihm recht schwer; er weinte fortwährend.

28. Januar 1877 - Im Oktober vorigen Jahres war Nichte Lisette Nockemann 14 Tage bei uns. Ich habe mit ihr eines Sonntags einen Spaziergang nach Cleve gemacht. Bei außerordentlich hübscher Witterung durchwanderten wir die ganze Umgegend und kehrten abends müde zurück.

Das vergangene Weihnachtsfest war ein recht freudvolles. Vater und Mutter (Großeltern) kamen am Tage vorher, uns zu besuchen. Vater blieb hier bis am folgenden Abend, Mutter bis zum 3. Januar. Wie freuten sich die Kleinen über den Christbaum, dessen Lichter, als sie des morgens ins Zimmer traten, entgegenstrahlten! Da hatten sie nun Säbel, Gewehr, Patronentasche (von den Großeltern mitgebracht), von Papa geschnitzte Häuschen, Tischen etc., Pferd und Wagen, viele Bilder, Apfel, Spekelatius, Shawls, Handschuhe usw. Welche Freude! Der kleine Wilhelm spielte munter mit dem Rösselchen.

Mehr noch hätten wir uns alle gefreut, wenn unsere 3 Jungen nicht mit dem lästigen Stick- oder Keuchhusten behaftet gewesen wären. An diesem haben sie alle 3 nun Ende Oktober bis Anfang Januar gelitten, Gustav und Wilhelm am meisten. Dieser (letztere) hatte außerdem noch eine lange Zeit hindurch viele Blutgeschwüre an den Beinchen und im Kreuz. Jetzt sind alle Gott sei Dank! wieder vollständig gesund.

Gustav geht gern in die Verwahrschule. Er singt oft die daselbst gelernten Liedchen, als "Christ ist erschienen, uns zu versühnen", "Unseren Ausgang segne Gott", "Eins, zwei, immer schöner in die Reih". Dann sagt er auch wohl: "Ich habe ein neues Lied sungt."

Adolf wirft gern den Papa um. Wenn er dies thun will, so zieht er ihn am Rock und stößt ihn an die Beine. "O da fällt Papa um. Ato (Adolf) Papa umschmeißt," heißt es dann. Des Morgens kommen beide gern zu Mama und Papa ins Bett. Dann wird gesungen und erzählt. Der kleine Wilhelm kann schon ziemlich stehen, er spielt gern mit Klötzchen und ist gar nicht lästig.

25. Mai 1877 - Bei Gelegenheit eines der 5 Vorträge des Apothekers Herrn H. von Gimborn von hier, über welche ich in der Emmericher Zeitung während der Monate März und April Bericht erstattete, schenkte mir selbiger Herr ein in Jerusalem angefertigtes Lineal. Herr von Gimborn berichtete über seine im Frühjahr vorigen Jahres unternommene Orientreise. Dies Lineal soll mit anderen wertvollen Gegenständen des Andenkens, als einer Griffelbüchse meiner seligen Schwester Luise und einem Federschächtelchen vom seligen Großvater August Ducoffre den Anfang einer Sammlung derartiger Gegenstände sein. Möge die Sammlung recht reichhaltig werden!

Zum Geburtstage unseres kleinen Wilhelm am 24. April langte von den Großeltern ein Paket mit allerlei Eßwaren und Spielsachen für ihn und seine Brüder ein, worüber große Freude. (Die lieben Jungen können sich keinen Geburtstag ohne Paket denken. An einem solchen Tage sind ihre Blicke, ohne daß man sie darauf hinweist, auf die Straße zum ankommenden Postpaketträger gerichtet. Der Großvater, das ist gar nicht anders denkbar, muß und wird ihnen etwas schenken. "Ein Paket!" "Ein Paket!" "Da ist es! Da ist es!" das sind die Freudenrufe am Morgen eines jeden Geburtstages.)

Mit dem 1. Februar ist College A. Baum Lehrer der 3. Klasse an unserer dreikl. Volksschule.

Am Donnerstag den 3. Mai hat sich in unserem deutschen Verein, in welchem der Bürgermeister Herr Bock Vorsitzender ist, eine Gesangabtheilung gebildet, welche gegenwärtig 10 Mitglieder zählt, unter denen meine Wenigkeit Dirigent ist.

7. Juli 1877 - Am Sonntag d. 1. Juli reiste ich nach Duisburg, um der Hochzeit meines Bruders Gustav und seiner Braut Luise Kahnert beizuwohnen. Meine Eltern fand ich etwas krank, doch konnten sie der Feier in Hochfeld beiwohnen. Bei der Trauung, die Pfarrer Gräber vollzog, waren weiter zugegen: Witwe Kahnert nebst sämtlichen Kindern, Familie Arera (Frau Arera ist die Schwester der Frau meines Bruders), Familie Kaposki (Hauswirt meiner Eltern), Geschwister Wilhelm aus Duisburg, Lehrer Hüttemann und Frau, Lehrer Küppers und Frau u.a. Pfarrer Gruber schenkte dem Ehepaar im Namen der Gemeinde eine Bibel.

Mein Bruder, gegenwärtig Gerichtsaktuar, wohnt in Duisburg (Düsseldorfer Straße).

Abends 11 Uhr langte ich in Emmerich wieder an und fand alle noch wohl.

15. September 1877 - Am Dienstag d. 21. August empfingen wir den Besuch meines Bruders nebst Frau, Frau Arera und deren 3 Söhne. Mit diesen unternahm ich am folgenden Tage eine Reise mit dem Vergnügungszuge nach Rotterdam. Als wir daselbst 9 Uhr angelangt waren, besehen wir uns zunächst die vielen Seeschiffe, restaurirten uns bei Wirth Holz (Deutscher) und wanderten dann dem anderen Ende der Stadt zu. Hier bestiegen wir den Zug der Niederländischen Staatseisenbahn, der uns über Schidam und Delft dem Haag zuführte. Von hier eilten wir unter Benutzung der Pferdebahn nach Scheveningen und zum Meeresufer. Ein großartiger Anblick! Nur wenige Schiffe befanden sich auf den endlosen, blauen und unruhigen Wogen. Die Schiffe schwenkten auf und nieder, ein Spiel der Wellen. überall sah man am Ufer Badegäste und Neugierige kommen und gehen. Um 1 Uhr kehrten wir um, besahen uns im Haag das Oranje-Denkmal, in Rotterdam das des Erasmus, besuchten hier noch den Jahrmarkt, restaurierten uns bei Wirth Holz und fuhren um 8 Uhr wieder der Heimath zu. Um 12 Uhr waren wir wieder bei den Unsrigen.

15. September 1877 - Leider muß ich nun auch eines Toten gedenken, unseres am 14. Juli des Jahres geborenen und schon am 10. September d.J. verstorbenen innigst geliebten Söhnchens August Bernhard. Schon kurz nach seiner Geburt machte er uns Besorgnis; denn er wollte keine Nahrung zu sich nehmen. Weder das eine noch das andere mochte er genießen. Seine Verdauung blieb schlecht, Erbrechung trat zu oft ein, sein Körperchen magerte immer mehr ab. Nachdem er 3 Tage lang die Wassersucht gehabt, verschied das liebe Kind am 10. September abends 9 Uhr 10 Minuten. Am Mittwoch den 12. d. Monats bestatten wir seinen Leichnahm auf dem Friedhofe. Am folgenden Tage besuchten meine Frau, Gustav und Adolf und ich die kleine Ruhestätte.

2 Rosenstöcke und ein Lebensbäumchen bilden den Schmuck des Gräbchens. Das Lebensbäumchen hatten wir vorher in einem Blumentopfe. Lieber August, Gott gebe, daß wir uns droben alle wiedersehen.

18. April 1878 - Am Sonntag nach Weihnachten vorigen Jahres gab die Gesangabteilung des hiesigen deutschen Vereins unter Mitwirkung des Herrn Kanzleiinspecteur Riemann und dessen Sohn Ludwig aus Duisburg und Herrn Haupzollamts-Assistenen Krause von hier (Violine, Klavier und Cello) im Saale der Societät ein Concert zum Besten des zu errichtenden Kriegerdenkmals. Der Reinertrag belief sich auf 300 Mark.

Die Gesangabteilung hat zur Feier des Geburtstags der Majestät des Reiches im Saale des H. Sandhövel ebenfalls ein Concert veranstaltet. Beide Concerte waren zahlreich besucht und ernteten den reichsten Beifall.

Am Mittwoch den 10. April des J. ließen wir das Gräbchen unseres verstorbenen lieben August mit einer marmornen Gedenktafel und einer Schlackenumrandung schmücken. Die Tafel trägt die Aufschrift:

August Bernhard Kalthoff

geb. 14. Juli 1877

gest. 10. Sept. 1877

Wohl ewig Dir!

Am 1. April d.J. nachts 12 Uhr brannte das in unserer Nähe liegende Gebäude der Romen'schen Buchdruckerei und wurde in kurzer Zeit bis auf den Grund ein Raub der Flammen. Der heftige Westwind trieb den Funkenregen auch bis auf unser Schuldach. Nicht wenig geängstigt nahmen wir unsere 3 Kinder aus dem Bette auf und brachten sie in die Küche, wo wir Ihnen ein Lager bereiteten. Zur Vorsicht hatte ich 3 Eimer mit Wasser zum Söller geschafft. Einen Unfall oder Schaden haben wir nicht davongetragen.

Am Mittwoch den 6. März d.J. wurde meinem Bruder Gustav in Duisburg das erste Kindchen, ein Sohn geboren. Am Samstag den 13. April reisete ich nach Duisburg, um am folgenden Tage der Taufe als Pathe beizuwohnen. Das Kind erhielt die Namen Wilhelm Gustav Ernst. Abends vorher besuchte ich mit meinen Eltern den Circus Oskar Carre.

Am Freitag d. 12. April fand in meiner Klasse Schulprüfung statt, über deren Verlauf ich recht befriedigt bin. Dienstag d. 10. war Versetzungsprüfung. Von 43 Kindern der I. Abtheilung gelangten 37 in die I. Klasse.

Gestern bekam ich von dem Hauptzollamts-Assistenten Herrn Gläser, dessen Sohn ich mehrere Jahre unterrichtet habe, ein schönes Oleanderbäumchen geschenkt.

22. Juni 1878 - Vom 9. - 16. d.M. dauerten unsere Pfingstferien, dieselben waren der regnerischen Witterung wegen (es regnete 4 Wochen hindurch fast stets) keine angenehmen. Mit Gustav und Adolf habe ich aber doch 3 schöne Spaziergänge machen können. Am Tage vor Pfingsten gingen wir nach Hüthem, an Lensing's Hof vorbei und kehrten längs dem "Polderbusch" wieder nach Hause zurück. Am 11. wurde ein Marsch nach Groß-Netterden gemacht; hier besuchten wir die neue katholische Kirche. Am 12. ging's nach s'Heerenberg. Milchtrinken, Brödchenessen und Blumensuchen war für die Kinder eine große Freude.

24. September 1878 - Am Sonntag d. 4. August machte unser Gesangsverein einen Ausflug nach Moyland. Derselbe war zur Veranstaltung eines Concerts dorthin eingeladen. Das Wetter war ausgezeichnet. Es betheiligten sich an dem Ausfluge ca. 60 Personen (18 Sänger), die in 7 Wagen dorthin fuhren. Das Concert währte von 4 - 8 Uhr und verlief sehr befriedigend. Für mich hatte diese Tour noch einen besonderen Genuß. Ich konnte nämlich unseren in Moyland am 4. August 1873 geborenen Gustav und den Adolf und auch Großmutter Ducoffre mitnehmen. Ein Wagen des Barons von Moyland holte uns ab. In unserer früheren Wohnung bei College Boos fanden wir bei der Familie des Collegen Schneider gastliche Aufnahme.

Am 22. August beschenkte uns der liebe Gott mit einem Töchterchen. Von Tag zu Tag hat das Kind an Gesundheit und Kraft zugenommen. Das Wohlbefinden des Kindes, nein überhaupt, das unserer ganzen Familie, macht uns recht viele Freude.

Am Samstag d. 22. d.M. wurde die kleine Auguste getauft. Bei Gelegenheit dieser Taufe machten Gustav und Adolf ihren ersten Kirchgang, auf welchem sie von ihrem Onkel Gustav begleitet wurden.

3. Juni 1879 - Am Osterdienstage reisete ich zur Beiwohnung der Taufe des kleinen Ernst, Sohn meines Bruders, nach Duisburg. Die Nachfeier verlief, da die Herren Riemann einige Musikstücke vortrugen, sehr angenehm, doch bekam ich einen Anfall vom kalten Fieber (welches mich 8 Tage gequält hat), so daß ich mich nicht recht erfreuen konnte.

Am 17. April trat unser Gustav seinen ersten Schulgang an.

Die diesjährigen Pfingstferien dauerten vom 31.Mai bis 9.Juni. Die Pfingsttage waren des starken Windes und der vielen Regengüsse wegen sehr unfreundlich. Doch erfreute uns während derselben ein Besuch des Großvaters.

18. Juni 1879 - Am Montag abend, d. 9. Juni wurde unsere Familie nicht wenig aufgeregt. Unsere kleine Auguste verfiel plötzlich während des Abendessens in einen krankhaften Zustand. Wir meinten, das Kind habe ein Brodstückchen im Halse und sei dem Erstickungstode nahe. Ich gab mir alle Mühe, das vermeintliche Stückchen Brod durch Erbrechen zu entfernen. Endlich nach ungefähr einer Minute kam es wieder zu sich, und wir konnten uns, Gott sei Dank! von unserem Schrecken erholen. (Später hat sich bei dem Kinde der Krampfanfall oft wiederholt; jetzt scheint er nicht mehr wiederzukehren - Mai 1880)


Nicht abgeschriebene N o t i z e n

22. Mai 1880 - Aus den Erlebnissen von Juni vorigen Jahres bis jetzt sei folgendes erwähnt:

An einem der Kirmestage im Juli v.J. machten meine Mutter, Schwiegermutter und ich eine Reise nach Arnheim zur dortigen Kunst- und Gewerbeausstellung. Wir fuhren morgens mit einem Schraubendampfer dorthin. Tagsüber bot sich für uns des Sehenswerthen auf den Straßen und in der Ausstellung hinreichend genug. Da wir alle noch keine Vorstellung von einer Ausstellung hatten, so überraschte uns diese in großem Maße.

An der Stadt selbst hatte meine Mutter, die bisher noch nicht in Holland war, das meiste Interesse. Die Fahrt auf dem Rhein war des herrschenden Regens und heftigen Windes wegen recht unangenehm.

Einige Wochen später habe ich die Ausstellung im Verein mit unserem Gesangverein noch einmal besucht. An diesem Tage war es sehr heiß, die Rheinfahrt war sehr angenehm, besonders bei der Rückkehr. Sehr viele Bekannte aus der Stadt machten die Tour mit.

Bei Gelegenheit der goldenen Hochzeit unseres Kaiserpaares (11. Juni d.J.) fand hier ein großes Volksfest auf der "Borussia" statt. Der Gesangverein "Euterpe", unser Gesangverein und der Leseverein wie auch die Emmericher Musikkapelle hielten Vorträge. Die Feier fand am 15. Juni statt.

Das Sedanfest feierte unsere Schule in hergebrachter Weise morgens in der Schule und nachmittags auf Klosterberg

Unsere Gesangabteilung veranstalte zur Feier dieses Tages wie früher wieder eine musikalische Abendunterhaltung im Sandhövel'schen Saale.

Am 14. December gab unser Gesangverein wieder ein Concert zum Besten des Kriegerdenkmals, wobei auch die Herren Riemann mitwirkten.

Überaus schön verlief in unserem Familienkreise das letzte Weihnachtsfest. Ich hatte aus schwedischen Streichzündholzdöschen die "Stadt Bethlehem" hergestellt und mit aller Mühe an der Ausschmückung des Weihnachtstisches gearbeitet. Die Freude der Kinder war sehr groß. Ihre lange gehegten frohen Erwartungen sahen sie am Weihnachtsmorgen vollkommen erfüllt. Abends wurde fleißig gesungen und musiziert. Schade, daß die Tage so schnell vergingen.

In den Weihnachtsferien machte ich mit Sekretär Neuhoff, College Schneider und den beiden Collegen Gebrüder Teupe eine Reise nach Duisburg. Wir veranstalteten dort am 2. Weihnachtsabend mit der Kapelle des Herrn Riemann ein Concert im Casino. Mein Vater und mein Bruder waren dabei gegenwärtig. Am folgenden Tage fuhr ich nach Essen zu meinem Bruder, der daselbst seit October v.J. beim Amtsgericht als Gerichtsvollzieher thätig ist. Hier verlebte ich einen sehr angenehmen Tag, da mein Bruder alles mögliche that, um mir Liebes und Gutes zu erweisen. Abends reisete ich über Altenessen und Oberhausen wieder zurück.

Auf die Feier des diesjährigen Geburtstages Seiner Majestät des Kaisers seitens des deutschen Vereins bei Sandhövel sehe ich deshalb mit besonderer Genugthuung zurück, weil mir das Arrangement des Concerts allein zufiel und dasselbe den besten Verlauf nahm. - Unser Gesangverein hat weiter noch 3 Feste gefeiert: die silberne Hochzeit seines Mitgliedes, des Hauptzollamtsassistenten Zibbe und die goldene Hochzeit der Eltern seines Mitgliedes Westerhuis (der Verein feierte diese Tage durch Darbringung eines Ständchens) sowie das Stiftungsfest des Vereins. Dies wurde am Himmelfahrtstage am "2. Spanier" im engen Kreise gefeiert und wird sicher allen Theilnehmern noch lange in freudiger Erinnerung bleiben.

Am Donnerstag d. 1. April besuchte unser Adolf zum ersten Male die Schule. Mit den Leistungen des Gustav wie des Adolf kann ich bis jetzt wohl zufrieden sein. - College Baum und ich wechseln mit dem Unterricht in den beiden Unterklassen alle 2 Jahre. Gegenwärtig habe ich die Unterklasse (3.), von April 1881 ab werde ich wieder in der Mittelklasse unterrichten.

13. September 1880 - Das diesjährige Sedanfest war wieder ein recht schönes. Vormittags von 8-9 Uhr fand eine Feier in den Schulklassen statt. Von 9 - 11 Uhr war Festgottesdienst. Am Nachmittage zogen wir Lehrer mit den Kindern zum Sternbusch hinter Klosterberg, woselbst Spiele, Gesänge, Bewirtung mit Brödchen, Bier, Spekelats und Aepfeln in heiterer und ungezwungener Weise miteinander abwechselten. Unser Gesangverein "Einigkeit" feierte abends wieder bei Sandhövel. Diese Feier kann wohl als die gelungenste von allen denen, welche der Verein in den drei letzten Jahren beging, angesehen werden. Die Piece: "Der Trompeter an der Katzbach (Deklamation und Gesang)" wurde von der recht großen Versammlung an 3 Stellen mit Hurrah-Rufen (während des Trommelschlags) begleitet.

4. April 1881 - Seit dem 27. November vorigen Jahres unterrichte ich auch an der einklassigen evang. Volksschule zu Elten. Dieser Unterricht ist mir erteilt worden, weil durch Abgang des Pfarr-Vicars Sprenger, der zugleich Lehrer war, die Schule verwaist war und die Stelle nicht wieder besetzt werden konnte. Dieselbe muß auch jetzt noch vom hiesigen Geistlichen und mir versehen werden. Ich unterrichte an dortiger Schule täglich 2 Stunden und versehe daselbst alle 14 Tage, wie schon im vorigen Jahre, auch den Organistendienst. Für je 2 Stunden Unterricht erhalte ich 3 Mark, für die Bedienung der Orgel jedesmal 2 Mark. Ich unterrichte dort in Biblischer Geschichte, Naturlehre, Geschichte, Geographie, Deutsch und Singen. Die Schule zählt 22 Kinder. Die Kleinsten kommen jedoch nur Mittwochs und Samstags zu mir, von 1-3 Uhr, nicht des abends von 6-8 Uhr.

Das vorige Weihnachtsfest war für unsere Familie wieder ein sehr erfreuliches. Unter dem schönen Weihnachtsbaum befand sich die plastisch dargestellte Stadt Bethlehem mit Umgebung. Im Hintergrunde lief eine Wassermühle, die eine Windmühle in Bewegung setzte und einem Springbrunnen Wasser zuführte. Das übrige Wasser lief durch einen Fluß, der von Zement hergerichtet war. Geschenke waren, außer von hier, von Duisburg und Essen in großer Anzahl für die Kleinen angekommen. Der schöne Weihnachtstisch hat viele Besucher, große und kleine, angelockt.

Am 8. diesen Monats nachmittags von 2 - 5 war in meiner Klasse öffentl. Schulprüfung und am Montag dem 11. Versetzungsprüfung. Beide Prüfungen verliefen zu meiner vollsten Zufriedenheit. Herr Lokal-Schul-Inspector Pfr. Reinhartdt äußerte nach der letzten: "Sie haben ein recht günstiges Resultat erzielt" und (zu den Collegen Tidden und Baum sich wendend) "nicht wahr?" Die beiden Herren stimmten dem bei. Weiter sagte Pfr. Reinhardt: "Das freut mich."

Unser kleiner Gustav hat diese seine erste Prüfung recht gut bestanden. Er ist zur Mittelklasse avanciert, die ich jetzt wieder erhalten habe, trotzdem Hauptlehrer Tidden seinem Schwiegersohn dieselbe zugedacht hatte und um deswillen mich beim Kreisschulinspector verleumdet hat. Der Schulvorstand hat mir die Mittelklasse ohne Weiteres übergeben.

Adolf ist zu Lehrer Baum in die 1. Abteilung der 3. Klasse gekommen. Adolf hat bisher stets, auch in der Kleinkinderschule im letzten Jahre, den 1. Platz inne gehabt.

Am 11. Februar, Freitag abends um 10 Uhr wurde unser kleiner Rudolf geboren. Seine Mutter hat nach seiner Geburt 5 Wochen das Bett hüten müssen und war recht krank. Wegen dieser Krankheit haben wir das Kind erst am Sonntag, den 27. März taufen lassen. Die Taufe vollzog Pfr. Reinhardt, mein Bruder Gustav aus Essen hielt das Kind dar. Die eigentlichen Taufpaten konnten nicht kommen, es sind: Lehrer Friedrich Nohlen zu Vosnacken bei Langenberg und Nichte Lisette Nockemann zu Barmen. Bei der Feierlichkeit nach der Taufe waren zugegen: Der Großvater P.W. Kalthoff aus Duisburg, der Onkel Gustav K. aus Essen, Pfr. Reinhardt nebst Frau, und Herr und Frau May und Hebamme Fräulein Emilie Kung.

Am 22. März gab unser Gesangverein, wie früher ein Concert bei Sandhövel. Der Saal war gedrängt voll. Die Leistung war, wie andere aussagten, überaus befriedigend.

20. Februar 1882 - Das verlaufene Jahr 1881 hat uns weder Krankheit noch sonstige Unannehmlichkeiten gebracht, es war so recht ein Jahr der Arbeit. Bis zum Schluß desselben habe ich den Unterricht an der Eltener Schule fortgesetzt. Jetzt verwaltet diese Schule wieder ein Vicar, Herr Wulff, aus der Nähe von Bochum zu Hause. Es freut mich, nun wieder meine Kraft mehr den eigenen Kindern zuwenden zu können.

In der vorigjährigen Kirmeßwoche erfreuten wir uns des Besuchs der Großmutter Kalthoff, die aber wegen ihrer kranken Beine das Haus hüten mußte und von dem Treiben auf dem Markte nichts gesehen hat. Wir benutzten einen Tag zur Vergnügungsfahrt. Unsere sämtlichen Familienangehörigen setzten sich jenseits des Rheins bei Neu in einen Wagen, fuhren nach Moyland und von dort über "Berg und Thal" nach Cleve, abends wieder zurück zum Rhein. Durch den Gebrauch einer von Dr. König hier verordneten Salbe sind die Wunden an den Beinen der Großmutter ziemlich geheilt worden, so daß sie bald wieder gehen konnte.

In den Herbstferien machten meine Frau und ich eine kurze Vergnügungsreise per Dampfschiff nach Nymwegen. Wir besuchten daselbst vornehmlich das dortige wegen seiner Altertümer berühmte Rathaus.

Der Weihnachtstisch war auch im vorigen Jahre wieder reichlich ausgestattet, reichlicher als an dem Christfeste im Jahre vorher. Das Weihnachtsfest ist gewiß das schönste Kinder- und Familienfest, und niemand sollte es eigentlich unterlassen, dasselbe so zu feiern, daß die Erinnerung an dasselbe noch im hohen Alter eine recht erfreuliche ist.

Am 5. Februar d.J. reiseten meine Frau und ich zur Kindtaufe bei meinem Bruder in Essen. Der Täufling erhielt d. Namen Otto Karl Wilhelm. Bei der Feier waren von auswärts noch zugegen meine Eltern, Eheleute Karpowsky, Frau Karl Kahnert, Ernst Kahnert und Lisette Nockemann aus Barmen. Das war ein erfreuendes Wiedersehen.

Auf einem Hingang nach Elten im vorigen Sommer begegnete mir der Kreisschulinspector Thoren. Nach einigen kurzen Fragen betreff. der Eltener Schule frug ich, ob es nötig sei, auf die Anklagen des H. Tidden gegen mich überhaupt etwas zu erwidern. Die Antwort war: "Nein, es sei denn, daß solche Klagen vom Lokalschulinspector als solchem ausgehen." Hierauf sagte ich, dieser Meinung wäre ich auch und habe aus dem Grunde bisher geschwiegen, nicht deshalb, weil ich mich für schuldig halte. Er meinte im weiteren Verlauf des Gesprächs, es würde sich nach den Herbstferien, wenn er meine Klasse besuche, finden, wie ich meine Schüler vorbereite.

Nun das hat sich denn auch gefunden. Bei gedachtem Besuch hat der Kreisschulinspector fast nur Anerkennenswertes gefunden. Über die Anklagen ist kein Wort gesprochen worden. Er wird sie auch wohl erkannt haben als boshafte Verleumdungen.

Der Lokalinspektor Pfr. Reinhardt äußerte bei seinem letzten Schulbesuch am Donnerstag den 16. d.M., dem auch die beiden Collegen beiwohnten, ungefähr: "Ich bin sehr erfreut gewesen über die Ruhe; kein Zischeln, kein Geräusch mit den Füßen wurde vernommen. Die Kinder haben gut ihre Lieder und den Katechismus gelernt und sie lasen auch gut, mit schönem Ausdruck. Die schriftlichen Arbeiten gefielen ihm ebenfalls sehr." Es wurde nur Religion und Lesen vorgenommen.

- "Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein" -

Ungefähr einen Monat lang haben unsere beiden älteren Kinder, Gustav und Adolf, das Klavierspielen geübt. Die 4 ersten Seiten der Damm'schen Schule sind bald durchgepaukt. Fahren sie in ihrem Eifer so fort, so werden sie wohl noch etwas Tüchtiges lernen.

Nun einmal etwas über Witterungsverhältnisse: Der Winter 1880-1881 war ein recht gestrenger. Fünfmal überschwemmte der Rhein weithin die Weiden und Felder. Wohin das Auge blickte, gewahrte es Wasser. Die ganze Niederung glich einem großen See. Der Januar und der Februar brachten starken Frost und viel Schnee. Ein äußerst heftiger Schneesturm wütete am 18. Januar 1881. In Folge dessen verspäteten sich fast alle Eisenbahnzüge. Statt des Abends um 9 Uhr kam ich erst gegen 1 Uhr nachts von Elten nach Hause. Meine Frau und Schwiegermutter hatten sich gar viele Sorgen um mich gemacht.

Um ein ferneres Überschwemmen der dem Rhein am nächsten und niedrig gelegenen Straßen zu verhüten, hat man dieselben 2 - 3 Fuß erhöht.

Der heurige Winter war, im Gegensatz zu dem vorhergehenden, bis jetzt ein überaus gelinder. Wir haben nicht nur kein Hochwasser gehabt, sondern der Vater Rhein hat sein Bett so gering gefüllt, daß vorige Woche viele Pumpen in der Stadt aus Mangel an Wasser ihren Dienst einstellten und mehrere Bewohner ihre Brunnen vertiefen lassen mußten. Nur wenig und nur für etliche Tage waren stillstehende Gewässer mit Eis bedeckt, geschneit hat es nur zwei bis dreimal einige Minuten lang. Es wurde mir am vergangenen Sonntag in Elten von einem Bauern erzählt, daß derselbe sein meistes Vieh den ganzen Winter hindurch nicht im Stall gehabt habe. Der Rhein zeigte am 12. d.M. am Pegel nur 11 Zoll Höhe.

Im vorigen Jahr sind hierselbst 38 neue Häuser gebaut worden. Die Mauerleute haben fast den ganzen Winter hindurch arbeiten können.

Am 14. October v.J. wütete ein Orkan. In der Allee am Bahnhof riß er einen mächtigen Baumstamm herunter, in Elten zertrümmerte er den Maschinenschuppen, von den meisten Dächern warf er eine Menge Dachziegel zur Erde, von unserem Schulhause derer ca. 40-50. In den Wäldern entwurzelte er viele Tannen. Im November oder Dezember verspürten wir an einem Abend ein 2 Sekunden anhaltendes Erdbeben.

Heute ist Fastnachtsmontag. Emmerich kann sich auf die Narretei schon etwas zu Gute thun. Auf den Straßen wimmelt es von allerlei buntfarbigen Gecken; an Arbeit wird fast nicht gedacht; sogar unsere Schule hat heute "Feiertag". Bälle überall, Tanz, Jubel und Gejole an allen Ecken! Von Ausschreitungen und Rohheit erfährt man jedoch nichts. Schulden werden aber ganz gewiß um der Narrheit willen genug gemacht. Welchen Umfang der Leichtsinn hiesiger Einwohner genommen hat, ersieht man am besten in den Listen der Pfandleiher. -

Da lobe ich mir doch die Annehmlichkeiten, die unser Gesangverein "Einigkeit" uns bietet. Sein Stiftungsfest, seine Sommerausflüge, seine Feiern patriatischer Gedenktage bieten dem Herzen, dem Gemüt etwas, und nichts Albernes, nichts Kostspieliges, nichts Widerwärtiges.

Gegenwärtig bereitet sich derselbe auf die Feier des Kaisergeburtstags vor. Außer den Übungen im Vereinslokal (Societät) finden alle Samstag Abende Übungen in Solo-Quartetts und Targett-Vorträge in meiner Wohnung statt. Es nehmen daran teil: die beiden Hauptzollamtsassistenten Zibbe und Erdmann, Herr Alb. Knoll, Herr W. van Hahs und die beiden Brüder: Christian und Gust. Wurtz. Der Gesangverein zählt gegenwärtig 20 Mitglieder.

Es folgt jetzt ein Preisverzeichnis folgender Waren zum Gebrauch in der Haushaltung:

1 13pfünd Schwarz-Roggenbrot 1,25 Mark
1 Centner Kartoffeln 3,25 "
1 Pfund Butter 1,20 "
1 Dutzend Eier 0,70 "
1 Pfund gutes Rindfleisch 0,65 "
1 " Schweinefleisch 0,70 "
1 " Käse (holländ.) 0,70 "
1 " Salz 0,10 "
1 " Weizenmehl 0,21 "
1 " Gerste 0,20 "
1 " Buchweizenmehl 0,20 "
1 Liter Rüböl 0,70 "
1 " Baumöl 1,60 "  
1 " Petroleum 0,21 "
1 " Erbsen 0,30 "
1 Pfund Stampfzucker 0,50 "
1 " Glaszucker 0,80 "
1 " Kaffee, ungebr., mittlere Sorte 1,20 "
1 " Thee   "  
1 " Pflaumen 0,40 "  
1 Centner Steinkohlen 0,90 "  

Um den Kindern einen recht angenehmen Zeitvertreib zu gewähren und in ihnen zugleich das Interesse für die kleinen Singvögel zu erhöhen, haben wir uns im November v.J. ein Kanarienvögelchen angeschafft. Diesem haben wir im vorigen Monat ein zweites zugesellt. Beide, ein Männchen und ein Weibchen, bis jetzt noch getrennt lebend, sind überaus muntere Tierchen; sie fühlen sich gewiß recht behaglich in ihrer geräumigen Wohnung; in derselben können sie wenigstens doch auch ihre Flügel gebrauchen. Welch enges Kämmerchen haben dagegen ihre meisten Geschwister!

Ich habe ihnen den Käfig (80 cm lang, 80 cm hoch, 40 cm breit) im vergangenen Herbst aus Draht geflochten. Im Frühjahr werden diese Wohnung hoffentlich auch einige Sprößlinge der jetzigen Bewohner beleben, worauf unsere Kinder sehnlichst warten. Gustav und Adolf versorgen die Tierchen täglich mit Futter und frischem Wasser.

In Bezug auf die gegenwärtigen abnormen Witterungsverhältnisse füge ich noch hinzu, daß laut Zeitungsbericht in der Woche in Konstantinopel das Thermometer bis auf 10º unter 0 gesunken ist, daß in Anatolien, Rumelien und Newyork sehr viel Schnee gefallen ist, daß im Orient überhaupt ein sehr strenger Winter herrscht.

Unser Gustav wird morgen sein Schultagebuch vollgeschrieben bekommen und zwar ohne Klage darin zu haben. Dafür werde ich ihm, dem Versprechen gemäß, 10 Pfg. schenken.

Adolf hat auch schon ein zweites Schultagebuch angelegt. Er ist in Allem ein eifriges Kind.

Wilhelm muß immer neues Papier zum Malen haben. Im Januar hat er mit Lesen und Schreiben begonnen. Die mittleren Schreib- und Druckbuchstaben, auch in Verbindung, kennt er bald gut, liest und schreibt sie schon recht befriedigend.

Unsere kleine Auguste, die jetzt auch die Verwahrschule besucht, ebenso unser kleiner Rudolf, der an einer Hand gehalten gut läuft, sind fröhlichen Muthes, sie geben Hoffnung, daß sie später sehr gute Fortschritte in der Schule machen; denn an Wißbegierde und einem guten Gedächtnis mangelt es ihnen durchaus nicht.

28. März 1882 - Am 9. d.M. reisete Großmutter Ducoffre nach Hause in Duisburg, um daselbst eine Zeitlang bei ihrer Tochter Luise, Frau Dinsing, sich aufzuhalten, deren Sohn Hermann ein Unglück zugestoßen war. Es ist dem Kind von dem benachbarten Hause, dessen Dach man abdeckte, ein Ziegel auf den Kopf gefallen, wodurch ihm der Schädel sehr verletzt wurde. Laut Nachricht von heute befindet sich der Kleine auf der Hoffnung und will die Großmutter nächste Woche wieder zurückkommen.

Die von unserem Gesangverein "Einigkeit" am 22. März veranstaltete Feier zu Ehren des Geburtstages unseres Kaisers verlief über Erwarten gut. Das Concert, im Saale des Sandhövel währte von 8 -11 Uhr. Der Saal war gedrängt voll von Teilnehmern; die Vornehmsten wie die mittleren und niederen Volksklassen waren zahlreich vertreten. An wohlthuender Ruhe und Aufmerksamkeit mangelte es während der Vorträge fast keinen Augenblick. Alle Piecen wurden mit reichem Beifall aufgenommen.

Seit Dezember 1879 bin ich Vormund der Kinder der Wittwe Neschke: Ernst Karl und Friedrich Wilhelm Neschke. Die Regulierung einer Erbschaft von 4200 Mark welche den Kindern laut Testament ihrer Großmutter zusteht, ist bis jetzt noch nicht erledigt. Sie haben bis jetzt 3600 Mark erhalten, welche bei der hiesigen Sparkasse deponiert sind und wovon die Wittwe die Zinsen erhält. - Der 11jährige Fritz leidet an Epilepsie; ich werde versuchen, ihn in einer Anstalt, "Bethel" bei Bielefeld, unterzubringen.

Der abnorme Winter hat seine Rolle bis zu Ende siegreich durchgeführt; in der Nacht vom 21. -22. d.M. (Frühlingsanfang) fiel die erste beträchtliche Masse Schnee, der am Morgen einige Stunden liegen blieb.

Am Sonntag den 19. März haben wir einen Spaziergang zum "2. Spanier" gemacht und den ganzen Nachmittag im Freien gesessen. Das Thermometer zeigte an dem Tage 12° Wärme im Schatten. Vorgestern regnete es stark, heute ist's gelinde.

29. Oktober 1882 - Mit dem 2. Juni d.J. sind es 40 Jahre geworden, daß meine Eltern im heiligen Ehestande lebten. Zur Feier dieses denkwürdigen Tages machten ihnen mein Bruder und dessen Sohn Ernst sowie ich mit den vier ältesten Kindern in Duisburg einen Besuch. Wir drückten unsere Freude und unseren Dank gemeinsam in folgender Widmung aus:

Widmung
zur Feier des
40 jährigen Ehestandes
unserer
Eltern, Schwiegereltern und Großeltern
Peter Wilhelm Kalthoff
und
Sophie Luise Kalthoff
geborene Stahlschmidt
am 2. Juni 1882:

   
1 Preis und Dank, Lobgesang
1 Steig heut auf zu Gottes Throne!
2 Ehr ihm bring, hoch erkling
2 O mein Lied im Freudentum
3 Tag des Heils in unsrem Leben
3 Preis dem, der dich uns gegeben!
4 Einmütig, freundschaftlich
4 Heut wir wollen loben
Gottes Walten droben

5 Reich an Glanz sei der Kranz
5 In dem Strahl der Gnadensonne;
6 Welchen wir Kinder hier
6 Euch verehren zur Festeswonne
7 Inniger Dank sind seine Blüten
7 Liebe soll' ihn Euch behüten.
8 Liebe leit' allezeit
8 Unser Thun und Streben
Bis zum ew'gen Leben.

9 Heut erblickt Ihr beglückt
9 In dem Kranz von 40 Jahren
10 Eurer Eh', wie nach Weh
10 Segen Euch auch widerfahren:
11 Lange Kämpfe, bange Sorgen
11 Endeten nicht stets am Morgen
12 Mut, Geduld, Gottes Huld
12 Stillten aber's Leiden
Wandten es in Freuden.

13 Kehret ein im Verein
13 All zum Fest, ihr Kinder heute,
14 Alle eilt unverweilt
14 Her zum Kranz an unsre Seite.
15 Laßt uns freun im trauten Kreise
15 Laßt uns feiern Gott zum Preise
16 Traulich Wort! Hier und dort
16 Schallt aus Eltern Munde
Zu uns diese Kunde.

17 Hoch erfreut woll'n wir heut
17 Mit Euch, liebe Eltern, feiern
18 O Gott woll' liebevoll
18 Immerfort, wie heut, Euch Theuren
19 Fried und Ruhe reichlich senden
19 Droben seinen Himmel spenden! -
20 Frischer Kranz im Hochzeitsglanz,
20 Tausend gold'ne Blüten
Mögst du heut schon hüten!

Emmerich
Wilhelm Kalthoff
Auguste Kalthoff
Gustav Kalthoff
Adolf Kalthoff
Wilhelm Kalthof
Auguste Kalthoff
Rudolf Kalthoff
Essen
Gustav Kalthoff
Luise Kalthoff
Ernst Kalthoff
GustavKalthoff
Otto Kalthoff

Herr Karl Tetsch von hier hatte die Güte, vorstehende von mit aufgesetzte Widmung in kunstvoller Zierschrift auszustatten! Mit vielem Dank nahmen die lieben Eltern es entgegen. Wir machten am genannten Tage eine gemeinschaftliche Tour mit der Pferdebahn nach Ruhrort, worüber sich besonders die Kinder recht freuten.

Da ich nun einmal am Mitteilen etwas Gedichtetem bin (nicht aus Eitelkeit, das ist mir lächerlich), so mögen auch noch die folgenden Strophen hier noch Platz finden.


Zum Geburtstage
meines lieben Bruders
Gustav Kalthoff
am 19. Mai 1882

Grüß Dich Gott! Viel Glück und Segen!
Herzlich gratulieren wir!
Über Dir, auf Deinen Wegen
Heil und Segen für und für! -

So ertönt aus frohem Munde
Deiner Lieben nah und weit.
Theurer Gustav, zu der Stunde
Deines Wiegenfestes heut. -

Als ein Frühlingskind im Maien
Warst Du treuer Eltern Glück;
Voll und ganz konnt Dich erfreuen
Vatersorg und Mutterblick

Knickte Dich die Lenzesblüte
Schwere Krankheit fast zu sehr.
Angelehnt an Gottes Güte
Schwand die Wunde immermehr.

Lange Jahre sahst Du fliehen
Wechselvoll in Glück und Leid,
Trübe Wolken oft umziehen
Deine Lust zur Jugendzeit.

Hohen Sinnes doch, voll Mutes
Aufwärts schauend, dachtest Du:
Oben wohnt der, der nur Gutes
Füget meinem Leben zu.

Froh in Hoffnung, sahest Du segnend
Deines Lebens Sommer nahe;
Festen Schrittes Dir begegnend,
Lichtete er Deine Bahn.

Heut siehst Du, wie Dich ehren
Weib und Kinder im Verein;
Edleres konnt Gott nicht gewähren,
Besseres Dir nicht verleihn.

In der Zukunft Lebenszeiten
Möge reinster Frühlingsschein
Lieb und Friede Dich begleiten,
Gott mit all den Deinen sein! -


Zum Geburtstage
meiner lieben Schwägerin
Luise Kalthoff
geb Kahnert
am 15. September 1882
Lautre Freude strahle heute
Über Dir und Deinem Haus!
Inn'ger Friede Dich geleite -
Segen bringend - ein und aus.

Eilend wie ein Schiff, hinzogen
Kinderzeit und Jungfraunstand,
Auf des Lebens dunklen Wogen
Leicht zu führen Dich ans Land.

Treten durftest Du voll Freuden
Hin zum heilgen Traualtar.
Ob auch drohten Kämpf' und Leiden,
Fest und stark die Liebe war.

Froh des Glücks, der Huld und Gnade
Kannst Du dankend schauen heut'
Auf zu Gott der Deine Pfade
Hat geebnet und erneut.

Neues Leben blüh' den Deinen
Einig bleibt in Lust und Leid!
Reicher werd' bei Groß und Kleinen
Trauer, Lieb und Dankbarkeit


Unser Gesangverein Einigkeit feierte sein diesjähriges Stiftungsfest im Kreise seiner Mitglieder und deren Angehörigen in schönster Feststimmung am Sonntag, dem 7. Mai im Saale der Schützengesellschaft "Borussia". Der Verein zählt gegenwärtig 26 active, 6 inactive und 2 Ehrenmitglieder

Unsere Lieben gefiederten Stubengenossen, die munteren Kanarienvögel haben sich im Laufe dieses Sommers um 8 Junge vermehrt, wovon 6 Männchen sind. Ich habe für dieselben einen neuen Käfig kaufen und 2 anfertigen müssen. Der Gesang, noch meistens ein Zwitschern, hallt durch alle Wohnräume. Wir könnten uns wohl jetzt schlecht von diesen niedlichen und zutraulichen Geschöpfen trennen.

Die Herbstferien haben wir hier verlebt; nur waren meine liebe Frau mit den beiden jüngsten 8 Tage lang zum Besuch in Duisburg und Essen. Während ihrer Abwesenheit haben Karl Neschke (mein Mündel) und ich 2 Schränke angestrichen; unsere 5 ältesten Knaben halfen mir scheuern, tapezieren u.s.w. Das war eine angenehme Überraschung für die Wiederkommenden!

Den Fritz Nischke geleitete ich am 24. Juni auf seine Reise zur Anstalt "Bethel", worin nicht weniger als 500 Epileptische Aufenthalt gefunden.

Am 25. Juni besuchte ich das Hermansdenkmal und die Externsteine im Teutoburger Wald. Bei meiner Rückkehr stattete ich meinem treuesten Collegen Herrn Lehrer Feld in Oberhausen einen Besuch ab. Herr Feld hatte uns zu Pfingsten besucht. Ich unternahm zu dieser Zeit mit ihm Ausflüge nach Borghees und Cleve. Seine Anwesenheit hat uns alle in hohem Grade erfreut. Vor seinem Abschiede erfreute er noch besonders sein Pathenkind, unseren Adolf, durch ein Geschenk von 5 Mark. Nachdem ich noch 1 Mark hinzugelegt, übergab ich das Geld für meine Kinder der hiesigen städt. Sparkasse. Jetzt liegen für sie 8 Mark darin.

Ein lieber Gast unserer Familie ist mit der Zeit der bei von Gimborn, Kaufmann, in der Lehre stehende Karl Neschke geworden. Dafür daß ich ihm Klavierunterricht erteile, zeigt er sich durch allerlei Gefälligkeiten und Liebeserweisungen an den Kindern wie Eltern sehr dankbar! Er wird mit Gott ein recht sittsamer, fleißiger und geschickter Kaufmann werden.

Mit rechter Genugthuung darf ich auf die am 20.d.M. in meiner Schule stattgefundene Inspection durch den Kreisschulinspector Thoren zurückblicken: Er sprach sich über die Leistungen in fast allen Unterrichtsgegenständen sehr anerkennend aus.

Während des Besuchs in Duisburg ließ sich meine Frau mit den beiden Kleinsten photographieren. Die Bilder werden uns allen von bleibendem Werte sein.

25. Februar 1883 - Mit innigem Dank gedenke ich noch heute derjenigen, die mir an meinem vorigjährigen Geburtstage Beweise vieler Anhänglichkeit und Liebe erzeigten. Zunächst erfreuten mich die eigenen Kinder, von der Mutter dazu angeregt, durch Geschenke, Gratulationsschreiben und Deklamation einiger Glückwünsche. In der Schule erhielt ich eine Menge Briefchen von namentlich den Mädchen der 1. Abteilung. Der Gesangverein überreichte mir ein Lesetischchen und ein Photographiealbum für 150 Photographien. Am Vorabend brachte er mir ein Ständchen und in der folgenden Übungsstunde fand die eigentliche Feier statt. Am Geburtstagsabend feierten wir mit den nächsten Bekannten im Familienkreise.

Das letzte Weihnachtsfest verlief in ähnlicher Weise wie früher. Von den Großeltern beiderseits, von Onkel Gustav und Lehrer Feld waren für die Kleinen allerlei Gaben zum Naschen und Spielen etc. übersandt worden. Der Bescherungstisch war bedeckt mit 2 Helmen, 1 Chako, 1 Pferdchen, 3 Säbeln, mit Lotto- und anderen Spielen, Shawls, Puppen, Spekelati u.s.w. Der eig. Weihnachtstisch zeigte den reich geschmückten Baum, die Stadt Bethlehem, Windmühlen, Springbrunnen und Fontainen, mechanisch sich bewegende Figuren u. dgl. Dreimal wurde der Baum angezündet, zum letzten Mal an dem Tage, als Großmutter wiederkam (8 Tage nach Neujahr), die seit vorigen Herbst in Duisburg war. Während der Baum brannte, die Glöckchen läuteten, und der Brunnen plätscherte, wurde bei Klavierbegleitung andächtig gesungen.

In den ersten beiden Wochen d.M. schwebten wir in viel Sorge und Unruhe wegen der Krankheit meines Bruders. Von seinem Kranksein nicht wissend, wohl aber besorgt um das Befinden meiner seit Jahren leidenden Mutter reisete ich in den Fastnachtstagen nach Duisburg. Dort begegnete ich auf dem Wege zur Wohnung meinem Vater, der, da er von meinem Kommen noch nichts erfahren, mich erstaunt anblickte, worauf wir uns herzlich begrüßten. Mein Vater war auf dem Wege zum Bahnhof, um nach Essen zu reisen, um dort Gustav, der, wie er sagte, krank sei, zu besuchen. Nachdem er sich über den Zustand der Mutter befriedigend ausgesprochen, schloß ich mich ihm an und so fuhren wir gemeinschaftlich nach Essen. Hier fanden wir meinen Bruder am Typhus schwer erkrankt. Nur wenige Worte konnten wir mit ihm sprechen. Da sich der Arzt noch recht besorgt über ihn aussprach, so wuchs unsere Betrübnis womit wir das Krankenzimmer verließen, nur noch mehr. Sehr beängstigt um ihn zeigte sich meine Mutter. Gustav's Frau war stets in größter Unruhe.

Gott sei Dank! Jetzt befindet sich der treue Bruder wieder auf dem Wege der Genesung. Übermorgen bekommt er von uns das schon längst versprochene Kanarienvögelchen, um dessen Besitz er während meiner letzten Unterredung mit ihm bat. Möge es ihm tröstend Weisen vorsingen!

Vom 16. bis 19. d.M. litt unser kleiner Wilhelm an einem Anflug der Krankheit. Während der Krankheit war er sehr matt, welches von dem heftigen Fieber herrührte. Für dessen Genesung können und müssen wir dem lieben Gott ebenfalls herzlichst danken.

Über die geistigen und körperlichen Fortschritte aller unserer Kinder kann ich nur Günstiges berichten. Dem Gustav fällt das Kopfrechnen schwer, mit der Kenntnis und den Fertigkeiten in anderen Gegenständen bin ich recht zufrieden, im Abzeichnen ist er recht geschickt. Adolf und Wilhelm lernen leicht und gut. Wilhelm zeigt dazu mehr Ruhe als Adolf. Willig zeigen sie sich alle drei, nur dann und wann möchten sie lieber draußen spielen. Augustchen hilft schon gern der Mutter, spielt recht artig und ist recht anhänglich. überaus gut hat sich unser lieber Rudolf entwickelt. Am 11. d.M. ist der 2 Jahre alt geworden. Bald springt er hier, bald dort umher, bald klettert er auf die Stühle, bald tummelt er sich mit den Geschwistern auf dem Fußboden. Fast alles spielt er nach, was er sagt ist stets treffend und zeugt von viel Verstand.

Unser Gesangverein darf mit großer Genugthuung auf das von ihm am 25. Januar d.J., am Tage der silbernen Hochzeit des Kronprinzl. Paares, im Saale der "Societät" gegebene Concert zurückblicken. Reicher Beifall lohnte die 10 vorgetragenene Gesang- und Musikpiecen unter denen sich "Lob der Freundschaft" von Mozart, "Das treue deutsche Herz" von Otto, "A Busserl vom Diandle" von Koschat, "Das Glockengeläute" von "Jubelouverture" für Violine, Flöte und Klavier von C. M. von Weber u.s.w. befanden. Ein Reinertrag von 208,05 Mark wurde dem Bürgermeister für hiesige notleidende Ueberschwemmte übergeben.

Am 4. März wird unser Verein beim Concert des städtischen (gemischten Chor) Vereins mitwirken, worin "Der Rose Pilgerfahrt" von Schumann und eine Nummer aus "Parsifal" von R. Wagner zur Aufführung kommen.

26. Februar 1883 - Hatten wir uns im Winter 1881-82 über Wassermangel zu beklagen so haben wir im letztverg. Winter mit Staunen und Besorgnis auf die Hochfluten, welche der Rhein im November 1882 und vom 27. Dezember v.J. bis 8. Januar d.J. über die angrenzenden Weiden und Felder, in Stadt und Dorf wälzte. Der höchste Wasserstand während der letzten Überschwemmung betrug 23'10". Die ganze Umgegend bildete einen See, aus dem nur die obere Hälfte der Bäume hervorragte. In vielen Ortschaften waren die Häuser ganz umspült. Am "Fischerort", "Hinter der Aldegundiskirche" in der "Christophelstr." stand das Wasser 2 - 4 Fuß hoch. Auf dem "Alten Markt" waren Schutzdämme errichtet, an 4 Stellen wurde Tag und Nacht gepumpt, um die niedrig gelegenen Stadtteile vom Wasser frei zu halten. Wohl alle Keller waren mit Wasser gefüllt, in unserem Schulhaus Keller stand es jedoch nur ½ Fuß hoch. Sehr lange hat sich hinter den Dämmen, so z.B. auf dem Friedhofe das Grundwasser noch gezeigt. Von den Überschwemmungen sind besonders die Ortschaften am Mittelrhein von Ruhrort bis hinter Worms heimgesucht worden. In der Nähe des letzteren Ortes sind mehrere Dörfer fast vollständig zerstört worden. Während der Überschwemmung im November v.J. teilte mir mein Vater in einem Briefe mit, daß er einen Sonntag mit Gustav aus Essen und dessen Sohn Ernst eine Kahnpartie durch die überschwemmten Stadtteile Duisburgs gemacht habe, daß daselbst in vielen Häusern das Wasser 8' hoch gestanden habe.

Meine Nichte Lisette Nockemann, die mehrere Jahre bei einer Herrschaft in Barmen gedient hat, hat sich dem Berufe einer Kleinkinderlehrerin gewidmet und befindet sich jetzt (seit anfangs Januar d.J.) in Halberstadt zur Ausbildung.

8. April 1883 - Eine Zeit der tiefen Trauer ist über unsere Familie hereingebrochen. Der liebe Gott hat meinen einzigen, mir ans Herz gewachsenen Bruder Gustav zu sich in die Ewigkeit genommen. Am 31. März d.J., abends 9 Uhr 10 Min. ist er, noch nicht 30 Jahre alt, sanft entschlafen. An ihm habe ich den treuesten Bruder und Freund, haben meine Eltern ihr so sehr geliebtes Kind, hat seine Frau den sorgsamsten Mann, haben die 3 Kinder einen liebevollen Vater verloren. Unzählige Tränen sind um ihn geweint worden, und noch lange, lange werden seine Verwandten und vielen Freunde um ihn trauern.

Wie ist's möglich! sollte man ausrufen, daß einem der liebe Gott solche Schmerzen auferlegen kann, daß er ein so junges, frohes und gutes Leben hinwegnimmt? Doch die da schon vor über hundert Jahren gesungen haben: "Jesus meine Zuversicht" "Was Gott thut, das ist wohl gethan" werden ähnliches erlebt haben. So wollen auch wir uns mit den vielen Frommen trösten und ausrufen: "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt!"

Vom Typhus, an dem mein Bruder 8 Wochen krank gelegen, wieder genesen, bekam er einige Tage vor Ostern ein neues Leiden, die Unterleibsentzündung. Diese ist nach Aussage der Ärzte durch Gallensteine, die sich nach seinem Tode vorfanden, verursacht worden. Die Leiden, welche nun eintraten waren sehr groß; die Sorge um das teure Leben wuchs, es gelangten beunruhigende und wieder beruhigende Nachrichten bei uns an. Da hieß es auf einer Postkarte vom 31. März, der Zustand sei sehr schlecht, der Herr möge der Schreiberin derselben, seiner Frau Luise, Kraft geben, wenn das Schlimmste eintreten sollte. Sehr niedergeschlagen fuhr ich am folgenden Tage 12 Uhr nach Essen, mich noch der Hoffnung hingebend, daß ich noch ein Wort mit dem lieben, lieben Gustav reden könne. Als ich jedoch vor seiner Wohnung anlangte, und die Fenster verhängt sah, befiel mich eine große Angst. Ja, da fand ich bald meinen weinenden Vater, meine tiefgebeugte Schwägerin. Jammernd und klagend fielen wir uns in die Arme; er war tot, tot, er, der gute, gute Mann, der gute Sohn, der gute Bruder. Weinend, mit tief betrübtem Herzen trat ich bald nachher zu seinem Sarge und küßte ihn auf die jetzt kalte Stirn. Wie friedlich, ganz unentstellt lag er da in dem engsten Raum der Menschen!

Groß war die Teilnahme an dem herben Verlust; so viele kamen, seine irdische Hülle noch einmal zu sehen. Kränze wurden in großer Anzahl auf den Sarg gelegt. Bald nahte der schwerste Gang unseres Lebens: der Gang zur Beerdigung der teueren Leiche. O was hat mein lieber Vater, was habe ich auf diesem Schmerzenswege gelitten! Meinen Vater mußte ich am Arm halten. Die Grabrede des Herrn Pfarrer Junghaus, welche in der Friedhofskapelle gehalten wurde, wirkte etwas tröstend auf uns. Ein Gemisch aber voll tiefstem Herzleide und erhabenem Troste zugleich überkam mich, als der Sarg durchs Friedhofsthor gebracht und die Musik des die Leiche begleitenden Turnvereins das Lied spielte: "Was Gott thut, das ist wohl gethan!"

Mit unsagbarem Kummer bedeckte ich den treuen Bruder, noch einmal, zum letzten Mal seinen Sarg sehend, mit Erde. Ein Blümchen, das einem Trauerkranze entfallen, nahm ich als geweihtes Andenken zu mir und verließ dann mit meinem Vater und den vielen Leidtragenden die Stätte des Weinens und Klagens.

Ehrenvoll hat er gelebt, ehrenvoll ist er gestorben, ehrenvoll ward er begraben!!! Möge sein Geist ruhen auf seinen lieben Kindern! Möge sein Lebenswandel, sein Sterben segensreich wirken auf meine Eltern und mich! Möge der liebe Gott, der Unerforschliche, seiner tief gebeugten Gattin Trost und Heil gewähren ewiglich! Möge uns endlich ein froher Oster- und Auferstehungsmorgen wieder vereinigen dort, dort, wo kein Leid noch Schmerzen mehr sein werden, wo Licht und Wahrheit und unvergängliche Pracht all unser Sehnen und Hoffen voll und ganz stillt! Das walte Gott!

Meine leidende Mutter hatte den lieben Gustav nicht mehr sehen können, ich fand sie am Abend des Begräbnistages (3.April) in Kummer und Herzleid zu Hause in Duisburg. Ach, sie hat vielleicht am meisten und tiefsten getrauert.

Am folgenden Tage, nachmittags 5 Uhr mußte ich mich wieder meinem eigenen Heim zuwenden. Am hiesigen Bahnhof fand ich alle meine Lieben gesund und wohl und trauernd wieder. Dem Herrn sei Dank für seine Gnade, die er an den Meinigen geoffenbart. Ihm empfehle ich sie und alle Angehörigen und Verwandten für ihr ganzes Leben. -

In Duisburg benachrichtigten Vater und ich noch meine Nichte Lisette Nockemann in Halberstadt von dem Trauerfall. Nach ihrer Antwort hierauf hat sie der Fall ebenfalls tief ergriffen.

Sehr tröstend hat auf uns alle die Mitteilung gewirkt, daß Gustav im Glauben an seinen Erlöser gestorben ist. Er hat während seiner Krankheit gern und fleißig gebetet, mit seiner Frau las er geistl. Lieder, namentlich: "O Haupt voll Blut und Wunden" etc. "Sieh", hat er zu seiner Frau geäußert, "ich kann die Lieder noch alle, die ich früher gelernt habe."

Sein letztes Wort, daß ich von ihm vernahm, war: "Es hat mich sehr gefreut", nämlich das wir ihn besucht hatten (Fastnacht). Sein letztes Wort an seine Frau gerichtet, lautete: "Du bist meine liebe Frau". Luise hatte ihm vorher den Schweiß abgewischt und dabei gefragt: "Weißt du auch, wer das thut?" So starb er bei klarem Verstande.

Die letzten Gratulationsworte zu meinem vorjährigen Geburtstage lauteten: "Möge uns das innige Freundschaftsband noch lange und auch über das Grab hinaus umschließen." Ja, ich will es nicht lockern und meine Liebe zu ihm auf seine Frau und Kinder übertragen.

Seine Briefe, die er während seiner Jugendzeit und später an mich geschrieben und von denen ich eine Auswahl zur Aufbewahrung zurückgelegt habe, geben das beste Zeugnis von seinem ausgezeichneten Charakter. -

18. April 1883 - Mit dem 7. d.M. besucht unser ältester Sohn, Gustav, das hiesige Gymnasium. Die Versetzungsprüfung aus der Mittel in die Oberklasse unserer Volksschule hatte er gut bestanden, so daß er, mit einem guten Zeugnis in der Hand, ohne Besorgnis zur Aufnahmeprüfung an der höheren Schule gehen konnte. Er zeigt Freudigkeit im Lernen und besitzt ein treues Gedächtnis. Mit Gottes Hülfe wird er wohl gute Fortschritte machen, in der Erwerbung von Kenntnissen, wie auch in sittlichem religiösem Betragen.

17.Mai 1883 - An den beiden Pfingsttagen besuchte ich mit unseren beiden Kindern Wilhelm und Auguste die Großeltern und andere Verwandte in Duisburg. Am 2. Pfingstnachmittage machten wir mit Großvater einen Spaziergang über den "Kaiserberg", mit der Dampfstraßenbahn fuhren wir dorthin.

Leider mußte ich am Dienstag den 15. Mai wieder Gelegenheit haben eine Leiche zum Friedhofe zu begleiten. Gerade 6 Wochen nach meines Bruders Tode starb Frau Carl Kahnert, eine blühende, überaus kräftige Person. Sie ist im Alter von 36 Jahren und infolge eines Wochenbettes gestorben. Dieser Sterbefall war für ihren Gatten und ihre 4 Kinder gewiß ein äußerst harter. Die zwei blühendsten und fast kräftigsten Personen unserer Angehörigen hat nun schon der Tod in diesem Jahre uns entrissen.

Am 16. abends kamen wir wieder hier an, von allen anderen unserer Familie am Bahnhof empfangen. Von den Großeltern haben wir unter anderem 2 hübsche Öldruckbilder (Engel im Dienste der Kinder) geschenkt bekommen.

11. Juni 1883 - Zum dritten Male in diesem Jahre hat der Tod in dem Kreise unserer Verwandten eine Lücke gerissen. Am 1. Juni starb in folge eines Wochenbettfiebers zu Duisburg die Nichte meiner Frau, die Ehefrau Carl Erbslöh (Kaufmann) Emma geb. Trappmann. Zu Pfingsten hatte ich sie mit den beiden Kindern noch besucht. Tante Emma war uns durch ihr heiteres, wohlwollendes und aufrichtiges Wesen recht lieb und wert, und bedauern wir ihr Hinscheiden recht sehr.

18. Septr. 1883 - Am 24. August d.J. wurde meiner Schwiegerin Witwe Gustav Kalthoff, jetzt in Duisburg-Hochfeld wohnend, der fünfte Sohn geboren, am Sonntag den 16. Septbr. ist er getauft und erhielt die Namen Fritz Wilhelm Karl. Möge dem lieben Kleinen, das seinen Vater nicht kennenlernen sollte, der himmlische Vater bester Schirm und Schutz allerwegen sein.

Wiederum hat uns der Tod ein Glied unserer Verwandschaft entrissen. Am 13. d.M. verstarb das einjährige Kind meiner Schwiegerin Frau Königshofen, der kleine August Königshofen, zu Duisburg, am Sonntag den 16. Sept. wurde er beerdigt. Seine Seele wird der liebe Gott gewiß seinen lieben Engeln zugestellt haben.

In diesen Ferien machte ich außer verschiedenen Spaziergängen in den umliegenden Gebüschen mit den drei ältesten Söhnen Ausflüge nach Cleve, Moyland und Montherland. Nach Cleve und Moyland gingen wir, um daselbst Soldaten zu sehen, da dortselbst manövriert wurde. Der Wunsch wurde den Jungens erfüllt; denn die auf dem Rückmarsche vom Manöver sich befindenden Truppen begegneten uns in großer Anzahl.

Einen besonders interessanten Ausflug machten wir vier, dazu der Carl Nischke, im Juni nach Anholt. Früh morgens 6 Uhr brachen wir auf, waren gegen 10 Uhr in Gendringen und um 11 Uhr am Ziele. In Anholt blieben wir bis 1/2 Uhr und hielten uns da meistens im Schloßgarten auf. Über Millingen, Vrasselt und Praest kehrten wir zurück. Um 6 Uhr waren wir an der Schleuse, wohin Mama, Großmutter Henriette, Augustchen und Rudolf gekommen waren, um uns abzuholen. Dort ruheten wir aus und zogen gemeinsam wieder der Heilstätte zu.

29. Septbr. 1883 - Am 26. d.M. Mittwoch Morgen 4 Uhr schenkte uns der liebe Gott abermals ein Söhnchen, das sechste. Der Kleine kam fast leblos zur Welt. Bis heute hat er sich zu unserer vollsten Zufriedenheit entwickelt. Seine Mutter fühlt sich recht wohl. Bei der Anmeldung auf dem Standesamt gaben wir ihm den Namen Julius, nach dem Namen des Vetters meiner Frau Julius Trappmann in Duisburg.

17. November 1883 - Am Sonntag, d. 4. November vereinigte sich unser Familienkreis zur Begehung der Taufe unseres jüngsten Kindes. Wegen des erst um 5 Uhr beginnenden Nachmittag-Gottesdienstes wurde sie in den Vormittagsgottesdienst verlegt. Als Stellvertreter der Pathen, die beide wegen Krankheit nicht erscheinen konnten, fungierten der Herr Postassistent Teubner, ein Freund von mir, und meine liebe Frau. Großvater war allein von Duisburg herübergekommen, um an der traulichen Nachmittagsfeier teilnehmen zu können. An dieser nahmen noch teil die beiden Pfarrer, Herr Teubner, Haupzollamts-Assistent Haase nebst Frau, Fräulein Borlinghaus, Frau Pfr. Reinhard, Großmutter Ducoffre, Hebamme Frau Liehrink und die Eltern nebst Geschwistern des Täuflings. Die Feier verlief in recht gemütlicher Weise, doch kamen auch manche trübe Erinnerungen, welche uns das Jahr 1883 gebracht, zum Ausdruck.

15. April 1884 (Osterdienstag) - Wiederum hat der Tod eine Lücke gerissen. Noch war kein Jahr seit dem Tode meines unvergesslichen Bruders vergangen, da mußte ihm seine und meine Mutter folgen, eine Mutter, deren Herz voll und ganz ihren Kindern ergeben war, dessen größte Freude es zeitlebens war, ihnen Wohlthaten zu erweisen, ihnen gefüllte offene Hände entgegenzuhalten. Wie strahlten ihre Augen, wie fühlte sie sich glücklich, wenn es ihr ermöglicht worden, für uns Kinder und Kindeskinder, etwas einzupacken, wenn es ihr gelungen war, ein Röckchen, ein Paar Strümpfe, Handschuh etc. für die ihrigen anzufertigen! Wie emsig war sie doch zu Hause bei ihrer täglichen Arbeit, die ihr nie zur Last fiel! So lange wie ich sie kenne, hat sie auch fast keinen Augenblick geruht. Arbeit und Thätigkeit, diese beiden Eigenschaften hat sie in sich verkörpert. Genüsse und weltliche Freuden reizten sie nicht; dagegen war sie kindlich vergnügt und empfand es dankbar, wenn ihr Mann oder ihre Kinder sie zu einer Reise, einem Besuch oder einem Spaziergang einluden. Von weltlichen Freuden hat sie sich stets ferngehalten.

Ihr frommer und häuslicher Sinn leitete sie zum regelmäßigen Kirchenbesuch und ließ sie volle Befriedigung daheim in der Familie finden. Mußestunden füllte sie am liebsten mit Lesen in Erbauungsbüchern aus. Sie hing mit Liebe und Glaube an ihrem Gott und Erlöser und lebte der frohen Hoffnung auf ein seliges Entschlafen.

Statt der weltlichen Freuden mußte die gute und treue Mutter viel Leiden, Kummer und Sorgen durchkosten. Stets war das tägliche Einkommen meines Vaters ein geringes. Die Lage zu verbessern, dazu war Mutter nicht im Stande, wo sie aber auch nur in etwa mitverdienen konnte, fand man sie dazu bereit. In Plettenberg, Eilpe und Schwelm arbeitete sie fast über ihre Kräfte im Garten. Ein Leben ohne Garten schien für sie ein totes zu sein. Leider war es ihr seit 1864, als meine Eltern nach Duisburg zogen, nicht mehr vergönnt, sich an der Bearbeitung eines Gartens zu erfreuen. Sie mußte sich damit zufrieden geben, die Erzeugnisse des Bodens auf dem Markte zu erhandeln. Sie konnte nun gar nicht mehr mithelfen zur Erlangung eines guten Auskommens. Im Jahre 1871 mußte sie eine schwere Pockenkrankheit durchmachen. Diese Heimsuchung legte den Grund zu den kranken Augen, mit welchen sie bis zu ihrem Ende behaftet blieb, auch waren wohl die Pocken die Ursachen von den Wunden an ihren Beinen, daran sie vom Jahre 1878 an zu leiden hatte. Letztere Krankheit benahm ihr alle Freude am Erdenleben. Durch Stricken und Nähen, fast ausschließlich für die ihrigen, suchte sie sich aber nützlich zu machen. Sie hat sich darin sehr nützlich gemacht. Es verging beinahe kein Geburtstag ihrer Kinder und Enkel oder ein Christfest, an welchem nicht Stümpfe, Jacken, Hemden und Handschuhe von der kranken Großmutter zum Geschenke ankamen.

Nicht minder groß als ihre Arbeitsamkeit und Sorge war ihre Ordnungsliebe. Da lag kein Teilchen verkehrt im Schranke, da kam das Essen nie zur Unzeit auf den Tisch. - O, es war eine gute Mutter, die Gott mir gegeben; es war eine treue, dienende Gattin, die mein Vater besaß.

Nun ist sie hingeschieden auf Nimmerwiedersehen in diesem Leben. Gottlob! der Wunsch, der liebe Gott möchte ihr ein schmerzloses Ende bescheren, ist ihr vollkommen erfüllt worden.

Nachdem meine Eltern anfangs Februar dieses Jahres mit meiner Schwiegerin (Witwe von meinem Bruder) und deren Kindern nach Essen verzogen (zum 4. Male nach einem fremden Orte) und sich eben eingerichtet hatten, bekam ich am 4. März die erste Nachricht von einer ernstlicheren Erkrankung der Mutter; von ihrem nahen Ende hatte keiner Ahnung.

Als ich am Nachmittage mit der Aufsetzung eines Erkundigungsbriefes über Mutters Zustand beschäftigt war, traf schon die Nachricht über ihren Tod ein. O, wie betrübend war diese Botschaft. Da war also keine Möglichkeit mehr, das liebe Mutterangesicht lebend zu sehen, noch einmal mit der Teuren zu sprechen. Am folgenden Tage reisete ich nach Essen. Dort fand ich den trauernden, ganz niedergeschlagenen Vater, die betrübte Schwiegerin mit ihren 4 Kindern.

Die liebe tote Mutter lag auf dem Totenbette - kalt - stumm; ihr liebes Angesicht war ganz unentstellt. Sie lag da, als schliefe sie.

Unbemerkt, erzählte mein lieber, bekümmerter Vater, ist sie entschlafen. Ich habe neben ihr geschlafen und war überrascht, als ich sie gegen 5 Uhr, da ich nach ihr hinsah, starr und unbeweglich fand, kurze Zeit vorher hat sie noch mit einem Löffelchen in der Tasse gerührt, in welcher sie einen Trunk zur Löschung des Durstes vorrätig hatte.

Über dieses sanfte Hinscheiden waren wir sehr froh. Im Stillen dankten wir Gott, daß er der Mutter ein solches Ende bescherte. Die Beerdigung fand am Donnerstag, den 6. März nachmittags 4 Uhr statt. Da sie in Essen noch fremd war, so folgten ihrer Leiche außer Vater, mir und Gustavs Kindern, Ernst und Gustav, nur wenige Bekannte meines Vaters. Herr Pfarrer Wächler hielt eine recht zu Herzen gehende Leichenrede über den Text: Psalm 23,3: "Er erquicket meine Seele; er führt mich auf rechter Straße um seines Namens Willen." Danach ward Mutter eingesenkt in die kühle Gruft, auf dem Friedhofe, wo auch ein Jahr vorher ihr lieber Sohn Gustav seine Ruhestätte gefunden hatte. Ihr Grab trägt die Nummer: 129.

"Wie schlöß ein Grab so eng und klein die Liebe einer Mutter ein!" tönte es in mir wider und tröstete mich in meiner Trauer über die gute, gute tote Mutter. Sie starb im Alter von beinahe 71 Jahren. Möge ihr segenreiches, stilles Wirken bei ihren Nachkommen dankende Anerkennung finden! Möge sich ihr Geist, der Geist der Liebe, Hingebung, Arbeitsamkeit, der wahren Frömmigkeit und reinen Sittsamkeit auf Enkel, Urenkel und spätere Nachkommen zu deren Heil und Segen fortpflanzen! Ich werde sie nie vergessen und hoffe zuversichtlich, nach Beendigung meiner Laufbahn dort oben wieder mit ihr vereinigt zu werden. ---

Das Ableben meiner Mutter fiel leider in eine Zeit, in welcher meine Thätigkeit so sehr in Anspruch genommen war. Wie gern hätte ich es so ganz still um mich gehabt, um Herz und Sinn ganz dem Andenken an die Entschlafene widmen zu können. Die herannahende Osterzeit aber wies mich hin auf die Vorbereitung zur Schulprüfung, der bevorstehende Kaisersgeburtstag sollte von unserem Gesangverein "Einigkeit" in recht würdiger Weise gefeiert werden, es war dafür schon eifrig geübt worden; auch mußten sich meine Gedanken auf die Uebungen des Kirchenchors (gemischter Chor, der sich im vorigen Jahre zur Mitwirkung bei der 400jährigen Geburtstagsfeier Luthers gebildet hatte, bis Mitte Februar unter Leitung des Musiklehrers Veith gestanden, und dann mir zeitweise anvertraut war) richten. Ferner war ich auch durch Unterrichtserteilung an der Eltener Schule Mittwoch und Samstags Nachmittags wieder gebunden und hatte für eine dortige Kaisersgeburtstagsfeier auf dem Betsaale Vorkehrungen zu treffen. Mit Gottes Hülfe hat nun jede einzelne Feier ihren besten Verlauf genommen; ebenso wurden die Vorträge des Kirchenchors am Charfreitag Abend und Ostern gut durchgeführt.

15. October 1887 - Vielerlei Arbeiten und Sorgen in Haus und Schule, wozu sich gar oft Mißstimmung und Unbehagen gesellte, verleideten mir bisher die Fortführung der Chronik. Der Gesundheitszustand in unserer engeren Familie ist, Gott sei Dank! ein recht günstiger geblieben. Weder über Krankheit noch Todesfall kann geklagt werden. In einer mit 6 Kindern gesegneten Familie wächst die tägliche Arbeit fortwährend, diese zu bewältigen, war meine liebe Frau im Verein mit ihrer Mutter stets mit größter Sorgfalt, aufrechter Liebe und Hingebung bemüht. Mochte eine Anhäufung der Beschäftigungen auch oft Verdrießlichkeit und rechte Müdigkeit hervorrufen, machte auch gar oft die Ausgelassenheit, manchmal gar ein tadelnswertes Betragen der einen oder anderen Kinder Ärger und Überdruß bringen: Das freudige Schaffen, das angeborene heitere Temperament behielt doch die Oberhand und verscheuchte bald allen Trübsinn und die Sorgen für die Zukunft.

Gegenwärtig steht meine Frau der Haushaltung wieder allein vor, da meine Schwiegermutter schon seit Juli d.J. wieder in Duisburg weilt. Eine Magd zu halten wäre zu kostspielig und würde vieles Unangenehme mit sich bringen. Dieserhalb verzichtet meine Frau lieber darauf. Wenn ihr dabei zuweilen die Arbeit gar zu sehr über den Kopf wächst, so ist ihr der nachfolgende Unmut nicht übel zu nehmen. Wie schon gesagt, ist sie aber bald wieder in ihrer alten fröhlichen Natur.

Unser gegenwärtiges Einkommen beträgt jährlich

a) an Gehalt 1500 Mark
b) an Entschädigung für den Unterricht an der Rectoratschule 375 Mark
c) Alterszulage 90 Mark
d) Entschädigung für Reinigung der Treppen und Hausflure, die meine Frau übernommen 75 Mark
e) an Privatstundengeld ungefähr 60 Mark
  2100 Mark

Da diese Summe zur Bestreitung der Bedürfnisse nicht ausreicht, so habe ich heute eine Eingabe um Gehaltserhöhung eingereicht und darf, da Herr Pfr. Reinhardt eine solche nebst Gratification versprochen, die Genehmigung derselben erwarten.

Was den gegenwärtigen Standpunkt unserer Kinder anbetrifft, so findet sich darüber das Nähere in den Aufzeichnungen weiter vorn in der Chronik.

Als im Herbste vorigen Jahres in der Nähe von Millingen Soldaten-Manöver stattfanden und auch unsere Familie einen Soldaten, Schweiger aus dem Elsaß, zur Einquartierung erhielt, nahm ich 2 mal mit den 3 ältesten Kindern als Zuschauer an den Übungen teil, zum 3. Mal ging auch meine Frau mit, mußten diesmal aber von Haldern bis Bocholt wandern, um etwas zu sehen. Den Rückzug machten wir diesmal bis Praest zu Fuß und kamen abends 11 Uhr wieder zu Hause an.

Im diesjährigen Herbst hatten wir (ich und die 3 ältesten Kinder, meine Frau war in dieser Zeit mit den 3 jüngsten Kindern in Duisburg bei der Großmutter) abermals Gelegenheit, dem Manöver beizuwohnen, das erste mal, am 10. Sepember bei Luisendorf bei Calcar, das zweite Mal am 13. Sept. bei Uedem. Unsere Touren dahin machten wir stets zu Fuß, auch die Rückwege. Wir ließen uns um 5 Uhr durch Herrn Müller über den Rhein setzen und waren abends gegen 8 Uhr wieder zu Hause. Durch diese Spaziergänge oder vielmehr Turnausflüge und früheren längeren Fußmärschen bald hierhin bald dorthin haben wir 4 die nähere und entferntere Umgebung recht kennen gelernt, unsere Beine und Ausdauer erprobt und überaus erinnerungswerte Tage verlebt. Die Übungen der Soldaten, namentlich die Divisionsübungen bei Uedem wird besonders auf die 3 Knaben einen unauslöschlichen Eindruck und viel Sinn für das militärische Leben hervorgebracht haben. Es zeigt sich dies auch schon deutlich genug an ihren sich stets wiederholenden Soldatenspielen -

Nach unseren diesjährigen 4 wöchentl. Herbstferien, die am 18. Sept. endigten, haben wir bald nachher, am 5. October, abermals 3 Wochen Ferien bekommen. Eine hier schon länger herrschende epidemische Augenkrankheit hatte sich nämlich rasch in allen Schulen verbreitet, wodurch dann die Sanitätspolizei sich veranlaßt fühlte, sämtliche Schulen und Erziehungsanstalten in Emmerich auf 3 Wochen zu schließen. Die Krankheit hat sich bisher als recht angreifende, im allgemeinen aber als eine ganz ungefährliche erwiesen und wird wohl bald erloschen sein. Die Ferien kamen übrigens den Schulkindern wie den Lehrern, weniger aber den Eltern, sehr willkommen.

18. October 1887 - In diesem Jahr hat der Tod auch meinen lieben Vater aus unserer Mitte genommen. Es war am 5. August, nachmittags 6 Uhr, als er sanft, ohne den geringsten Todeskampf infolge einer Lungenlähmung zur ewigen Ruhe einging. Seit Mitte Februar d. J. war er wieder verheiratet und lebte mit seiner Frau, eine geb. Hammerschmidt aus Barmen in den glücklichsten Verhältnissen. Sie bewohnten zu Essen in dem Hause: Post-Allee 45 zwei kleine Zimmer. Zwar hatte mein Vater ein geringes Einkommen, eine Pension von monatl. vielleicht 18 Thalern, doch lebten sie damit in rechter Zufriedenheit.

Seine Frau hat ihn aufs treueste und sorgsamste gepflegt und namentlich ihm in den letzten 8/10 Tagen während seines Krankseins recht zur Seite gestanden. Vor vielen Jahren schon litt er an Brustschmerzen, in Wintertagen gesellte sich dazu ein starker Husten. Dieser Husten wiederholte sich später immer öfter und heftiger, so daß die Lunge dadurch angegriffen wurde. Sein sehr aufgeregtes Gemüt und seine Lebenslust, sein Interesse an den täglichen Begebenheiten auf confessionellem und politischem Gebiete, sein leutseliges Verkehren mit Bekannten und Freunden sind bis zu seinem letzten Tage seine treuen Begleiter gewesen. Tags vorher hat er noch einen zweistündigen Spaziergang zurückgelegt.

An seinem Todestage legte er sich schon vormittags wegen heftigem Unwohlseins zu Bette, schlief gegen 2 Uhr ein und schlummerte fort bis er um 6 Uhr seinen Atem aushauchte. Seine Frau hatte mir, als er schon gestorben, von seinem plötzlich schlimmer gewordenen Zustande telegraphiert. Als ich am 6. August morgens 10 Uhr in Essen eintraf, fand ich ihn als Leiche wieder.

Der Todesfall betraf mich recht hart, hatte ich doch einen mit ganzem Herzen und mit aufopferndster Liebe an seinen Kindern hängenden Vater verloren, mit ihm zugleich das letzte mir verbliebene Glied meiner alten, lieben Familie!

Die Beerdigung der teueren Leiche fand statt am Montag d. 8. August, nachmittags 2 Uhr, unter zahlreicher Beteiligung von Nachbarn und Freunden und einer Deputation des evangel. Arbeitervereins mit der Fahne. Mit seiner Leiche wurde gleichzeitig die eines Kindes bestattet. In der Friedhofskapelle hielt Herr Pfarrer Jungblut eine ernste und recht tröstende Rede über 1. Korinther 15, 42-44: "Es wird gesäet in Unehre und wird auferstehen in Herrlichkeit" etc. Nachdem sein Leib eingesenkt war, (Grabnummer 423) kehrte ich mit den Kindern meines Bruders, Ernst, Gustav und Otto, die ihren Großvater auch zum Friedhof hin begleitet hatten, und der sich uns anschließenden Mutter derselben sowie den anderen Leidtragenden nach dem Sterbehause zurück. Unter anderen Leidtragenden befanden sich auch die Schwester meiner Stiefmutter mit ihrem Manne, dem Seidenweber Fr. Thöne aus Barmen. Während meines Aufenthaltes in Essen logierte ich bei der Familie Bäckermeister Engstfeld (Legeroth Str. 30) woselbst mein Vater 1 Jahr gewohnt hatte. Die Familie Engstfeld hat meinem Vater, seiner Frau und mir manche Beweise der Freundschaft und Gefälligkeit erwiesen, was ich stets dankbar anerkennen werde.

Möge der treue Gott meinem Vater nach seinem bewegten, oft kümmervollen Erdenleben ein seliges Leben geschenkt und ihn mit den ihm im Tode vorausgegangenen Lieben zum ewigen Leben vereint haben. Gebe der Höchste, daß auch ich die Entschlafenen in der ewigen Herrlichkeit wiederfinde!

Sehr gerne hätten wir hier in Emmerich den Vater bei uns wohnen lassen und er wäre auch gerne hier gewesen, jedoch war unsere Dienstwohnung und die zahlreiche Familie nicht dazu geeignet. Auch konnten wir meine Schwiegermutter um seinetwillen nicht entbehren und statt derselben eine Magd annehmen. Nun, auf Wiedersehen! guter treuer Vater!

18. October 1887 - Heute abend von 6 - 8 Uhr ist uns und vielen evangel. Gemeindegliedern ein sehr seltener Genuß bereitet worden. Herr Professor Nippold aus Jena, ein Sohn des vor einigen Jahren hier gestorbenen Emmericher Stadtkassenrendanten Nippold hielt im 1. Klassenzimmer unserer Schule, welches von Zuhörern gedrängt besetzt war (auch der Herr Superintendent Greeven aus Rees war zugegen) einen lehrreichen Vortrag über den Gang der Reformation vor und nach Luther mit besonderer Berücksichtigung der Geschichte Emmerichs. In einer Skizze entwarf er ein in kurzen charakterischen Zügen gehaltenes Bild der Entwicklung und des Fortgangs der Reformation von Willi Brand bis auf unsere Zeit. Prof. Nippold ist Mitbegründer des Evangel. Bundes, dessen Mitgliederzahl sich fortwährend vermehrt. Durch seinen Vortrag hat er das Interesse an dem evangel. Bewußtsein gewiß bei manchen erweckt resp. gestärkt. Möge der ev. Gemeinde dadurch ein Segen erwachsen. Pfarrer Reinhardt sprach dem Redner namens der Versammlung wärmsten Dank aus.

In dem letzten vergangenen Jahre entfaltete unsere Stadt eine besondere Tätigkeit im Bauen von Wohnhäusern und größeren Anlagen. Zunächst wurde die abschüssige Straße "Am Rhein" zu einer mit einem Steindamm begrenzten breiten und schönen Straße, verbunden mit einer Schiffswerft, umgewandelt. Hiernach wurde der Bau eines neuen geräumigen Hauses in Angriff genommen und im Dezember vorigen Jahres fertiggestellt. In diesem Jahre hat die Stadt eine Wasserleitung angelegt. Die Wohlthat derselben empfindet nicht wenig meine Frau, die jetzt all ihr Wasser aus dem Krähnchen überm Spülstein schöpfen kann. Am "Großen Wall" ist fast eine ganze, neue Straße entstanden, auch eine neue sechsklassige kathol. Volksschule ist daselbst gebaut worden. Innerhalb der Stadt sind viele alte Häuser durch neue und sehr ansehnliche Häuser ersetzt worden. Die Einwohnerzahl beträgt jetzt rund 10000. Ein Verschönerungsverein bepflanzte den Weg zum Polderbusch und den "Am Rhein" vor 2 Jahren mit Kastanien und ließ an mehreren Stellen in Alleen Ruhesitze anbringen.

Zu Anfang dieses Jahres haben wir uns auf unserer früheren Bleiche einen Hühnerstall errichtet, mehr zur Belustigung der Kinder als zu unserem Nutzen. Gegenwärtig haben wir 16 Hühner, von denen 6 hier gezogen worden sind. Alle unsere Kinder haben an den Thieren ihr großes Wohlgefallen, besonders die kleine Auguste, die "Hühnermutter" geworden ist.

22. October 1887 - Ostern 1885 ist mir an der hiesigen ev. Rectoratschule die Hülfslehrerstelle anvertraut. Daselbst unterrichte ich seitdem in Geographie, im Rechnen, Singen, Turnen und Schönschreiben verbunden mit Geschäftsaufsatz und Dictat. Ich erteile da wöchentl. 10 Unterrichtsstunden gegen eine Entschädigung von jährlich 375 Mark.

Seit Februar d.J. existiert hier der Gesangverein "Emmericher Liederkranz", der an die Stelle des von Herrn Baum nach meinem Rücktritt im Frühjahr 1885 übernommenen und durch ihn im Januar d.J. aufgelösten Verein "Einigkeit" getreten ist. Ich habe mich in den "Liederkranz" wieder als Dirigent aufnehmen lasse, lediglich aus dem Grunde, Personen, welche an edlem Gesange Gefallen finden, meine Dienste zu leihen. Aus der "Einigkeit" schied ich, weil mir der Vorstand derselben nicht das nötige Vertrauen schenkte, mir das alleinige Recht der Liederauswahl abstritt und bei Erteilung eines Auftrages an einen Musiker, gegen Entschädigung des Fahrpreises durch den Verein in Wesel Noten zum Abschreiben holen zu dürfen, für unstatthaft erklärte. Der jetzige Liederkranz zählt 20 active und etwa 10 inactive Mitglieder.

Im vorigjährigen Herbst, Ende September, besuchte uns mein alter Freund und College Friedrich Nohlen aus Vosnacken bei Langenberg. Ich hatte denselben in 17 Jahren nicht mehr gesehen. Sein Besuch machte uns große Freude. Am 2. Tage seines Hierseins machten wir beiden eine gemeinschaftliche Tour nach Moyland, Calcar und Cleve, die ihm vieles Interessante bot.

Es folge jetzt wieder ein Preis-Verzeichnis der in unserer Haushaltung zu verbrauchenden Waren.

1 10pfünd Schwarz-Roggenbrot 0,80 Mark
2 Centner Kartoffeln 5,50 "
1 Pfund Butter 1,18 "
1 Dutzend Eier (im October!) 1,00 "
1 Pfund gutes Rindfleisch 0,60 "
1 " Schweinefleisch 0,70 "
1 " Käse (holländ.) 0,70 "
1 " Salz 0,09 "
1 " Weizenmehl 0,14 "
1 " Buchweizenmehl 0,15 "
1 " Gerste 0,18 "
1 Liter Rüböl 0,52 "
1 " Baumöl 0,96 "  
1 " Petroleum 0,18 "
1 " Erbsen    
1 Pfund Stampfzucker 0,35 "
1 " Glaszucker 0,45 "
1 " Kaffee, gebrannter, Mittelsorte 1,60 "
1 " Thee   "  
1 " Pflaumen (gute) 0,26 "  
2 Centner Steinkohlen 1,80 "  
1 Pfund Reis 0,14    
1 Pfund Korinthen      
1 " Schmierseife 0,16    
1 " Mettwurst (gute) 0,70    
1 " Leberwurst (gute) 0,70    

In den Preisen der "Spezereiwaren" ist im Vergleich mit dem Verzeichnis von Februar 1882 ein Niedergang eingetreten, was besonders darin seinen Grund hat, daß den hiesigen Geschäftsleuten in dem "Consum" des Kaufmanns Hackenberg aus Oberhausen eine starke Concurrenz erwachsen ist. Letzterem Geschäft entnehmen wir fast sämtliche Specereiwaren.

Andere Ausgaben sind folgende:

Unterrichtsgeld für Adolf und Wilhelm jährlich (für jeden haben wir eine halbe Freistelle) 100 Mark
1 Paar neue Stiefel für mich 15 Mark
1 " die Frau 11 Mark
1 " Gustav 15 Mark
1 " Adlof 11 Mark
1 " Wilhelm 11 Mark
1 " Auguste 7 Mark
1 " Rudolf 6 Mark
1 " Julius 5 Mark
And Klassensteuer habe ich jährlich zu entrichten   22,50 Mark
An Beitrag für die Witwenkasse d. Regbz. Düss   15 Mark
Für die Feuerversicherung   4,50 Mark
Für die Lebensversicherung   62,50 Mark
An Beitrag für Witwenkasse am Niederrhein (Clevische)   6,50 Mark
" Turnverein   4,00 Mark
An Beitrag für den Kirchenchor   1,00 Mark
" Gustav-Adolf-Verein   1,00 Mark
" Missions- und Bibelverein   1,00 Mark

15. September 1888 - Das Jahr 1888 wird allen Deutschen und bis in ferne Zukunft ein recht denkwürdiges bleiben. Wir verloren, menschlich gesprochen, in diesem Jahre die beiden besten Männer: Kaiser Wilhelm I. und Kaiser Friedrich III., ersteren am 9. März, letzteren am 15. Juni. Beide lebten und starben als Helden. Kaiser Wilhelm verschied in folge von Altersschwäche als fast 91jähriger Greis in seinem Palais "Unter den Linden". Kaiser Friedrich starb an einer über 1 Jahr dauernden Krebskrankheit an der Luftröhre im Schlosse Friedrichskron zu Postsdam. Diese beiden Trauerfälle brachten viel Trauer im ganzen Lande. Ueberall wurden Trauergottesdienste, Trauerfeiern im allgemeinen und in Vereinen veranstaltet.

Unser neuer deutscher Kaiser, Wilhelm II., läßt durch sein bisher geführtes Regiment daran aber keinen Zweifel, daß auch er ein rechter Hohenzoller, der 1. und treueste Diener des Staates ist. Hierdurch ist die durch den Tod seiner Vorgänger hervorgerufene Sorge um Deutschlands Zukunft vollständig geschwunden. An Krieg denkt gegenwärtig niemand.

Aber auch noch in anderer Beziehung ist das Jahr 1888 ein denkwürdiges, von Trauer erfülltes. Die Kälte hielt an bis Ende Mai. März und April brachten noch viel Schnee und Frost. Seit Anfang Juli aber fiel fast täglich bis Mitte Dezember Regen. Der wolkenbruchartige Regen in den Weichsel- und Odergebieten verursachte dort sehr große Überschwemmungen. Auch sind Überschwemmungen an der Elbe, am Mittelrhein und in der Schweiz vorgekommen.

Hier am Rhein hatten wir stets hohen Wasserstand, doch blieben wir von größerer Wassersnot verschont, die Feldfrüchte, als Gras, Roggen, Weizen litten sehr und konnten nur unter vieler Mühe eingeheimst werden.

Unsere diesjährigen Herbstferien dauerten vom 18. August bis 13. September. In den ersten Tagen machten ich, Adolf und Wilhelm eine Reise nach Düsseldorf, um dort Gustav zu besuchen. Am Sonntag den 19.August abends 12 Uhr fuhren wir mit dem Dampfschiff "Stolzenfels" von hier ab und trafen in Düsseldorf am folgenden Morgen 10 Uhr ein. Gustav hatte schon 1 Stunde auf uns gewartet. Die Freude des Wiedersehens war eine große. 3 Tage verblieben wir in Düsseldorf, alles Sehenswerte mit Lust betrachtend und aufs freundlichste von den dortigen Bekannten aufgenommen.

18. Januar 1891 - Seit den Herbstferien erfreuen wir uns einer weit besseren und geräumigen Dienstwohnung. Nach der Verlegung der 1. Schulklasse in das neue Gebäude wurde dies Klassenzimmer wieder in 3 Wohnzimmer umgeändert und diese mit unserer bisherigen Wohnung vereinigt. Jetzt haben wir 8 Zimmer zu unserer Verfügung und können uns freier bewegen. Ein Zimmer, das sogen. Bibliothekzimmer, hat zwar die Gemeinde für sich reserviert, um darin die Gemeindebibliothek aufstellen zu können, doch ist es zugleich mein und meiner Kinder Arbeits- resp. Studierzimmer.

Gerne gedenken wir der Hülfe und Treue, die uns meine Schwiegermutter, Großmutter Ducoffre, auch im vergangenen Jahre wieder erwies. Als meine liebe Frau im letzten Sommer mehrere Wochen krank lag, hat sie unsere Hausarbeit mit größter Bereitwilligkeit fortgeführt. Seit Ende September ist sie nun wieder in Duisburg, um ihre alten Tage, sie ist jetzt 73 Jahre, in größerer Ruhe verleben zu können. Meiner lieben Frau liegt nun die Besorgung des Hauswesens wieder allein ob, und ich kann Gott nicht genug danken, daß sie alle Arbeit so gern und so umsichtig verrichtet.

18. Januar 1891 - Ich kann mich kaum erinnern, einen so strengen Winter erlebt zu haben, wie den jetzigen. Schon in der letzten Woche des November fror es stark. Der Frost hat von da an bis jetzt noch nicht nachgelassen. Das Thermometer zeigte täglich wohl durchschnittlich 5° Kälte, an manchen Tagen hatten wir 8 - 10°, gestern 11-12, am 28. Dezember gar 14° R unter 0. Das Rheineis setzte sich am Neujahrstage fest; schon nach 2 Tagen wurde es zum Überschreiten bis zum jenseitigen Ufer benutzt, seit 12 Tagen befindet sich ein gut hergestellter Weg auf dem Strome, auf dem sich nun auch schweres Fuhrwerk hin und her bewegt.

Durch Messung am vorigen Dienstag fand man, daß das Eis eine durchschnittliche Dicke von 2 - 3 m hatte, am Hafen betrug dieselbe gar 4,30 m. 2 mal trat Tauwetter ein, vor 14 und vor 8 Tagen, doch hielt dasselbe nur 1 - 3 Tage an. Gegenwärtig hat der Boden auch eine vollständige Schneedecke. An Gelegenheiten zum Schlittschuhlaufen und Schlittenfahren hat es in diesem Winter nicht gefehlt.

Da auch in unserem Wasserleitungs Zu- und Abflußrohr sich Eis befindet, so sind wir genötigt, das frische Wasser am Krahnen im Keller zu holen und das gebrauchte auf den Hof zu tragen: Wieder eine Arbeit mehr für die geplagte Frau.

Nach einer Zeitungsnachricht vom 15. d.M. hat sich das Rheineis lückenlos festgesetzt vom Meer bis hinauf nach Uerdingen.

18. Januar 1891 - Wie alljährlich, so hatten wir auch an dem letzten Christfest einen schön geschmückten Weihnachtstisch. Unter dem bis an die Decke reichenden Weihnachtsbaum, dessen Schmuck unser aller Augen recht befriedigte, hatten wir eine meistens von Rinde gebildete Landschaft mit Burgen, Thälern und Gewässern (Papier) ausgebreitet; gerade vorn am Baum befand sich die Felsengrotte mit der Geburtsstätte des Herrn, rechts eine Häusergruppe im morgenl. Ort, links das Feld, die Stätte der Erscheinung des Engels bei den Hirten. In die Nähe einer Brücke und eines Berges plazierten wir einen Kalkspatstein, den Gustav aus der Nähe der Dechenhöle bei Iserlohn, aus dem sogen. Felsenmeer im vergangenen Sommer mit nach Barmen und nun zu Weihnachten mit hierher gebracht hatte.

29. Januar 1891 - Auf das so lang anhaltende arge Frostwetter ist endlich am 23. Januar gründliches Tauwetter eingetreten. Einige Tage vorher hatten wir noch einen heftigen Schneesturm ausgehalten, der manchen Kindern den Gang zur Schule unmöglich machte. Viel Regen und Wärme brachten es zuwege, daß sich das Rheineis schon in der Nacht vom 25. auf den 26. Januar, gegen 3 Uhr in Bewegung setzte.

Um 6 Uhr morgens aber stand es schon wieder fest. Während dieses Eisgangs stieg das Wasser um 9 Fuß so daß es schon das Fahrthor bespülte. Die Stauung hielt an bis 12 Uhr mittags, worauf dann eine Bewegung bis zum folgenden Morgen 8« Uhr erfolgte. Von jetzt an blieb das Eis bis 12« Uhr stehen, dann trieb es wieder bis 12 Uhr nachts.

Diese dritte Stauung, in der Nacht vom 27. auf 28. Jan. verursachte das angekommene Moseleis und dauerte bis zum 28 Jan. vormittags 11 Uhr. Kaum « Stunde hatte nun wieder das Treiben gewährt, so erfolgte zum 4. Male ein Stillstand. Dieser hält bis jetzt, abends 10 Uhr, noch immer an.

Während dieses vielfachen Eistreibens und der Stauungen stieg das Wasser fortwährend, wenn auch langsam und hat es gegenwärtig eine Höhe von über 23 Fuß erreicht. Die Fährstraße ist zur Hälfte mit Wasser bedeckt, die Straße "Am Rhein" ist natürlich ganz überspült; am Alten Markt steht es bis zum Eingange in die Steinstraße.

Von hier aus hat die Feuerwehr durch den Fischerort und die Straße "Hinter der alten Kirche" bis "Hottomanns Deich" einen mehreren Fuß hohen Schutzdamm gebaut, um hierdurch dem Eindringen des Wassers in die übrigen Stadtteile vorzubeugen. Am Christoffeltor hat das Wasser diesen Damm bereits erreicht.

Die Häuser zwischen diesem Damm und dem Rhein stehen nun zum großen Teil im Wasser. Glücklicherweise lagern keine Eisschollen an diesen Häusern, und dieses ist der milden, stillen Witterung, sowie den neuen Werftanlagen und dem neuen Hafendamm zuzuschreiben, wodurch der Strom im Rhein mehr auf die Mitte des Wassers gelenkt wurde.

Am jenseitigen Ufer ist das Wasser überall über die Sommerdämme getreten und hat die ganze Ebene bis Kellen bei Cleve und abwärts bis nach Holland überschwemmt.

Wie kam es nun, daß immer wieder neue Stauungen eintraten?

Die Ursache war die, daß sich das Eis unterhalb Lobith noch gar nicht bewegt hatte, auch jetzt sitzt es von dort bis Dortrecht noch fest. Oberhalb Nymwegen und Arnheim lagert nun noch alles Eis, was hier vorbei getrieben ist, es soll sich daselbst bis zu 20 Fuß Höhe aufgetürmt haben. Bei Nymwegen hat sich nun doch heute Abend (laut Depesche) das Eis minutenlang fortbewegt und wird wohl bald dauernd forttreiben. Bis dies nicht geschehen, ist für unsere Stadt noch immer Gefahr vorhanden. Die Besorgnis davor verringert sich aber nun auch dadurch, daß im Mittel- und Oberrhein überall das Wasser fällt. Zur Hilfeleistung bei etwa eintretender größerer Not hat die Behörde 40 Pioniere von Deutz hierher beordert; dieselben sind gestern Abend mit 4 Pontons hier angelangt, sie haben ihren Standort auf dem Alten Markt genommen.

Heute Mittag bestieg ich mit Adolf, Wilhelm, Auguste und Julius den Turm unserer Kirche, um von dort aus das Überschwemmungsgebiet übersehen zu können. Meine Frau und Rudolf konnten nicht mitgehen, erstere wegen häusl. Beschäftigung, letzterer wegen starker Erkältung. Vom Turm aus bot sich unseren Augen eine großartige Aussicht: überall Wasser, ein großer See. Das Bett des Rheins bezeichnete ein langer breiter Streifen von höckerigem, grauweißem Eis. Viele Gemeinden und einzeln liegende Häuser sah man vollständig im Wasser stehen. Ein Glück, daß kein Sturmwind die Wasser in hochgehende Wogen brachte.

Eine milde, stille, Hoffnung erweckende Witterung lagerte auf dem weiten, weiten See.

Heute legten die Pioniere in einige Straßen, Euwer, Kahsstr, mehrere Kähne, um sie in der Not schnell zur Hand zu haben.

30. Januar - Die Nachrichten von Nymwegen lauten jetzt günstig. Es wird von dort ein Fallen des Wassers und Eisbewegung gemeldet. Hier ist das Wasser auch etwas gefallen, doch das Eis steht noch.

31. Januar - Heute sind der Oberpräsident und der Regierungspräsident hier anwesend. Letzterer war auch schon am Mittwoch, 28., hierhergekommen. Das Wasser fällt stark, es regnet. Eis noch fest.

1. Februar - Endlich sind wir von aller Besorgnis befreit. Gestern Abend 7 Uhr fing das Eis wieder an zu treiben. Heute ist der Rhein ganz frei von demselben. Die Straße am Rhein ist wieder passierbar, doch hat man Mühe, über die vielen dort liegenden Eiskolosse hinwegzukommen.

Viele Arbeiter sind beschäftigt, den Weg von dem Eise zu befreien. Die Woche vom 25. bis 31. Januar ist für uns eine denkwürdige geworden. Gewiß war der Eisgang einer der allerglücklichsten; keiner hat einen solchen glücklichen nach dem harten Winter erwartet. Gott allein war es, der uns vor großem Unglück bewahrte; dem gebührt jetzt großer und herzlicher Dank. Die beiden am Samstage gehaltenen Predigten wiesen auch besonders auf Gottes schützende Allmacht und unseren ihm schuldigen Dank hin.

25. October 1891 - Eine reiche Abwechslung in dem Berufs- und Familienleben brachten die diesjährigen Herbstferien mit sich. Auf eine Anfrage der königl. Regierung hatte ich mich bereit erklärt, an dem diesjähr. 6-wöchentl. Zeichen-Cursus für Fortbildungsschullehrer an der Kunstgewerbeschule in Düsseldorf teilzunehmen. Dieser währte vom 17. August bis 26. Septbr. Nachdem meine Zulassung genehmigt, reisete ich am 16. Aug. von hier ab. Das Bewußtsein, daß sich sämtliche Familienglieder gesund und wohl befänden und daß ich in Düsseldorf bei meinem Freund, dem Buchbinder F.W. Vogel, früher in Oberhausen (ich lernte ihn 1866 kennen), wohnen würde, erleichterte mir die zeitweilige Trennung.

Bei diesem Freunde habe ich dann auch ein ausgezeichnetes Unterkommen gehabt. Herr Vogel, wie seine Frau und Tochter sahen in mir ein Familienglied, so daß ich mich daselbst wie zu Hause fühlte.

Vom Zeichen-Cursus teile ich Folgendes mit: Es nahmen an demselben 52 Lehrer aus Rheinland und Westfalen teil, 24 an dem 1., 20 an dem 2., und 8 an dem 3. Cursus. Wir 24 hatten als Lehrer Herrn Fortbildungsschuldirector Piepgras (stellvertr. Director an der Kunstgewerbeschule; Herr Professor Stiller, Director an d. Kunstgewerbeschule war bis Mitte September verreist) im Linear- und Projectionszeichnen, Herrn Kupferstecher Heitland im Körperzeichnen und später Herrn Dekorationsmaler Wagner im Ornamentzeichnen. Täglich wurde morgens von 8 - 12 und nachmittags von 2 - 6 Uhr gezeichnet.

War die Arbeitszeit nun auch gut bemessen und die Arbeit besonders im Anfang recht anstrengend, so wurden die Stunden durch das gute Einvernehmen der Lehrer mit den Lernenden und dieser unter sich doch zu recht erträglichen und mit der Zeit zu gemütlichen. In den 6 Wochen ist viel und gut gezeichnet worden; nach Aussage des Directors ist geleistet worden, was geleistet werden konnte.

Zu dem freudigen Arbeiten trug die sich immer mehr geltend machende Collegialität viel bei. Die Gemeinsamkeit zu pflegen, war den meisten ein Bedürfnis. Zu diesem Zwecke wurde wie im Jahre vorher ein Verein gegründet, der jeden Donnerstag Abend von 8 - 11 Uhr bei Wirt Piel am Marktplatze tagte. Zum Präsidenten desselben wählte man einstimmig den Lehrer Wilh. Gräve aus Hamm. Daß diese Wahl eine glückliche war, stellte sich bald heraus. Kein anderer hätte für Unterhaltung besser sorgen, die mancherlei Obligenheiten (bei der Fahrt nach Kettwig Stausee Sorge für zeitige Erledigung der Liquidation, Bemühung um Gewährung ermäßigter Preise zum Besuche der Kunsthalle u. des Theaters etc.) williger ausgeführt und überhaupt den Verein besser zu leiten vermocht als er. Die Vereinsstunden verliefen dann auch zu Aller Zufriedenheit.

Am letzten Vereinsabend fanden sich als Gäste alle Lehrer und der Professor Stiller ein. Letzterer blieb bis 1 Uhr in der fröhlichen Gesellschaft. Am 2. September, dem Sedantag, machten wir am Nachmittage einen gemeinschaftlichen Ausflug nach Kettwig. Für Hin- und Rückfahrt hatte Herr Gräve Schülerbillets   60 Pfg. besorgt.

Wir fuhren bis Hösel, gingen von dort durch Wald und Feld 1 Stunde zu Fuß, besehen Schloß Landsberg, und kehrten schließlich im "Luftigen" ein. Hier erheiterten sich viele am Tanz (es war gerade Kirmes) andere wanderten auf die nahe Höhe und erfreuten sich der herrlichen Aussicht aufs Ruhrthal. Die letzte Stunde wurde in der Nähe des Bahnhofs in einem Hotel bei Musik, Rede und Gesang zugebracht. An dem Ausfluge nahmen 3 Zeichenlehrer teil. Abends 9« Uhr fuhren wir zurück. In Düsseldorf verweilte danach noch eine Anzahl der Zurückgekehrten auf kurze Zeit im Restaurant Kaletsch.

Später wurde noch ein gemeinsamer Besuch des Ständehauses und des Altertumsmuseums unternommen. In den letzten beiden Wochen wurde auch das Theater von vielen besucht. Ich besuchte 3 Aufführungen, das histor. Schauspiel: "Der neue Herr" und die Opern "Die Hugenotten" und "Lohengrin".

Zur Bestreitung der Kosten bekamen wir hinreichende Vergütung. Der Schulbesuch war frei, die Lernmittel wurden uns geliehen. Außerdem zahlte die Regierung 2/3, die betr. Schulgemeinde 1/3 der allgemeinen- und Reisekosten. Ich erhielt vom Staat 112 M und von der Gemeinde 55 M 60 Pf ausbezahlt. Die Collegen, denen ich mich enger anschloß, sind Gräve aus Hamm, Kluhsmann aus Bielefeld, Reichel aus Altendorf bei Essen, Corrmann aus Meiderich und Schnitzler aus Oberhausen. Letzterer war mein Tischnachbar beim Zeichnen.

Der genannte Verein, benannt: Punktierverein Holzklotz, hat sich nun bis zu den nächstjährigen Herbstferien vertagt. Möge er dann aufs neue Lust und Freude und dadurch desto mehr Anregung zum fleißigen Zeichnen bringen! Um mir die Freistunden angenehm zu machen, ging ich täglich früh zwischen 6 und 7 Uhr im Hofgarten und anderen Anlagen spazieren. Zuweilen traf's sich, daß ich die zur Übung ausrückenden Soldaten an mir vorüberziehen lassen konnte.

27. Oct. - Der angenehmste Sonntag wurde mir nach 3wöchentlichem Dortsein durch den Besuch meiner Frau und der beiden Söhne Rudolf und Julius bereitet. Am Freitag vorher waren sie schon angekommen, doch konnte ich erst am Sonntag die ganze Zeit bei ihnen sein. Wir besuchten des Vormittags den zoolog. Garten, und nachmittags machten wir mit Familie Vogel und der Schwester der Frau Vogel, Kleinkinderlehrerin in Elberfeld, einen gemeinsamen Spaziergang über die Schiffbrücke nach Oberkassel. Noch an demselben Abend traten Frau und Kinder per Dampfboot die Rückreise an.

In den nun kommenden Wochen verkehrte ich des Abends viel mit Collegen und meinem Schwager Robert und dessen Braut Traudchen Jägers. Die Braut war von ihrer nicht lange vorher verstorbenen Herrin, eine alte Dame, der sie 2 Jahre lang gedient, zur Erbin des hinterlassenen Mobilars eingesetzt worden. Dieser Umstand brachte sie und Robert auf den Gedanken, ihren lang gehegten Wunsch, zu heiraten, bald auszuführen. Am 8. November soll ihre Hochzeit stattfinden.

Die Sonntage verbrachte ich nun meist bei ihnen und auch noch einige Wochenabende. Zweimal war auch meine Schwiegermutter zugegen.

Am letzten Freitag, d. 25. Sept. kam unser Gustav mit Sack und Pack von Barmen, um für den Winter hindurch seinen Aufenthalt in Düsseldorf zu nehmen. Es war vereinbart, daß er hier auf der Kunstgewerbeschule sich weiterbilden solle. (Näheres bei den Aufzeichnungen über seinen Lebenslauf)

Am Abend dieses Tages besuchten Robert, Traudchen, ein Freund des Robert namens Reincke, Gustav und ich zusammen das Theater, in welchem die romant. Oper: "Lohengrin" gegeben wurde und setzten uns danach noch 1 Stündchen in dem Restaurant Phönixhalle zusammen. Dieser Abend war überaus genußreich. Besondere Freude hatte ich an dem Schreiner Reincke, einem schlichten, recht treuen Manne von meinem Alter. Am folgenden Nachmittage 1« Uhr fuhr ich mit Gustav wieder dem Heimatsort zu, nachdem wir von Vogels Abschied genommen und sich Reincke noch besonders durch Hülfeleistung beim Einpacken des Reiseguts verdient gemacht. Er wie Robert fuhren mit uns per Droschke zum Bahnhof. Um 3« Uhr kam ich mit Gustav wohlbehalten wieder hier in Emmerich an.

22. Januar 1893 - Auf diese genußreichen Wochen folgte ein recht unerquicklicher Winter. Schwager Robert erwies sich nachgerade wieder als arbeitsscheu und durch und durch charakterloser Mensch. Den Gustav, den ich zu ihm in Kost und Wohnung gegeben, nahm ich, nachdem ich mich von den haltlosen Verhältnissen im Febr. v.J. persönlich überzeugt hatte, direct von ihm weg. Seit der Zeit erkenne ich den verkommenen Menschen als meinen Schwager in geistiger Beziehung nicht mehr an und habe allen Verkehr mit ihm abgebrochen. Gustav fand bei Schuhmacher Ophoff, Wielandstr. 19, eine neue und bessere Unterkunft. Hier wohnte Gustav bis October. Auch Wilhelm wohnte hier bis 1. Dezember.

Als ich im Herbst v.J. zum Besuche des 2. Zeichenkursus 6 Wochen in Düsseldorf war, wohnte ich gleichfalls bei Ophoff's. Auch diese 6 Wochen waren für mich eine schöne Zeit. Die Arbeitsstunden waren wohl anstrengend aber auch fruchtbringend. Die feie Zeit verbrachte ich viel im Umgang mit Collegen von denen jetzt die Hälfte alte Bekannte waren. Meistens war ich abends und sonntags mit Gustav zusammen.

An einem Sonntag machten wir eine Fußtour nach Neuhs, mußten aber des Regenwetters wegen zurück fahren. Am vorletzten Sonntag meines Dortseins besuchte uns Adolf von Hamm aus; auch kam an einem Sonntag Auguste herüber, die einige Tage zum Besuche der Verwandten in Duisburg verweilte. Wilhelm war während der 6 Wochen zu Hause, da er Ferien hatte.

Am 2. Sept., dem Sedantage, machten wir Lehrer, 54 mit den teilnehmenden Zeichenlehrern, einen Ausflug nach Mettmann. Es sollte das Neanderthal besichtigt werden, doch verregnete das Vorhaben. In Mettmann aber versammelten wir uns bald zu einem Commers und verbrachten dann sehr genußreiche Stunden.

Vor Schluß des Cursus ließ sich unsere Klasse gemeinsam photographieren. Der Cursus endigte am 26. September.

Das vergangene Weihnachtfest war für uns deshalb ein recht erfreuliches, weil es sämtl. Familienglieder unter dem Christbaum vereinigte. Adolf hatte sich das Vergnügen gemacht, für uns alle ein Christkindchen zu sein, so daß fast ohne mein Zuthun jeder schön beschenkt werden konnte. Leider mußte er schon wieder am 27. December nach Hamm zurückreisen.

Wilhelm, Auguste und Gustav haben mich mit Anfertigen schöner Zeichnungen erfreut. Rudolf hatte eine Zeitungsmappe angefertigt. Alle, und auch Großmutter mit uns, haben die Festtage mit rechter Befriedigung verleben dürfen.

22. Januar 1893 - Vom 1. Weihnachtstage an hat der Winter ein recht strenges Gesicht gezeigt. Die Kälte nahm stetig zu. Schon am 2. Januar befürchtete man die baldige Festsetzung des Eises auf dem Rhein. Diese traf dann wirklich am 14. Januar nachmittags 4 Uhr ein. Schon am folgenden Tage, Sonntag, wagten es viele Personen, über das Eis hinüberzuschreiten und das jenseitige Ufer zu erreichen, was denn auch glücklich geriet.

Da im Laufe der vergangenen Tage die Kälte noch zunahm, am 19. 13ø R, so setzte sich das Eis immer fester. Seit Dienstag führt ein gebahnter Weg über die weite Fläche. Heute war der Verkehr zwischen beiden Ufern ein ganz lebhafter. Hierzu trug das klare, stille Wetter und die Temperatur von -3ø R viel bei. Diesen Nachmittag sind auch wir alle hinübergegangen, woran besonders der kleine Richard seine Freude hatte. Gustav und Rudolf gingen schon am vorigen Sonntag über den Rhein und liefen auf dem Kalkflach Schlittschuh.

Gestern morgen hatten wir beträchtlichen Schneefall und bietet jetzt die ganze Natur ein Bild recht winterlicher Schönheit.

25.Januar - Die Nacht vom 22. zum 23. Januar herrschte erst ein heftiges Schneegestöber, dann aber Regen und gründliches Tauwetter. Infolge dessen waren am Montag und Dienstag alle Straßen, besonders die tiefgelegenen überschwemmt oder mit Eis und Schneemorast bedeckt. Für Kinder waren die Wege fast unpassierbar, und so fehlten am Montag in meiner Schulklasse 26, in der 3. Klasse 42 Kinder.

Der Rhein ist in den letzten 3 Tagen fortwährend, doch langsam gestiegen. Die Eisdecke ist noch unverändert. Sie stand geschlossen von Ürdingen bis zur Waal und weiter. Heute Nachmittag wagten es hier noch verschiedene Halbwüchsige, über den Rhein zu laufen.

Seit heute abend sieht man mit Spannung den folgenden Tagen entgegen, da gegen 6 Uhr beunruhigende Telegramme einliefen. Von Ruhrort wurde nämlich gemeldet, daß sich dort das Eis flott bewege, von Nymwegen dagegen, daß es dort noch festsitze. Vorkehrungen gegen etwaige Überschwemmungen hat man schon einige getroffen. Am Schutzdamm, auf dem Alten Markt etc. wird fleißig gearbeitet, die Kastanienbäume am Rhein hat man umwickelt.

In der Nähe von Nymwegen lagert eine Abteilung holländ. Pioniere, um nötigenfalls Eissprengungen vorzunehmen. Durch vorgenommene Eismessungen haben sie ermittelt, daß das Eis am Übergang des Rheins in die Waal überall über 2 m dick ist, an einigen Stellen 8 m.

28. Januar - Heute setzte sich das Eis überall in Bewegung, hier in Emmerich früh 6 Uhr. Um 11 Uhr setzte es sich unterhalb Nymwegen aber wieder fest. Es staute sich immer weiter aufwärts und hat sich nun auch, abends 8 Uhr hier wieder festgesetzt. Das Wasser stieg heute nachmittag stündlich um 20 cm. Der Weg um die Martinikirche ist überspült. Seit Stillstand des Eises fällt das Wasser wieder. Die Gefahr, daß eine Überschwemmung eintritt, hat sich durch den heutigen Eisgang vermehrt. Das Wetter ist klar, seit heute nachmittag friert es wieder.

29. Januar - Heute nachmittag 2¬ Uhr, als ich gerade mit Richard am Ufer stand, setzte sich das Eis abermals in Bewegung, was eine große Menge Zuschauer herbeilockte. Am Vormittag wagten es noch manche, über das Eis zu gehen. Frevelhafter Leichtsinn!

Heute abend 10 Uhr hat sich das Eis zum dritten male festgesetzt, nachdem es vorher wieder zusehends gestiegen. Das Wasser steigt noch langsam; Regen. Wärmere Luft.

In Wesel liegen Pioniere zur etwaigen Hülfeleistung. Allem Anschein nach braucht man hier ihre Hülfe aber nicht in Anspruch zu nehmen.

30. Januar, 11 Uhr morgens - Telegr. von Nymwegen 9.15 Min. Eis fest.

Hier hat sich gegen 11 Uhr ein schmaler Streifen in der Mitte des Stromes in Bewegung gesetzt, er treibt aber sehr langsam. Die Eisschollen von heute sind sehr dick und schmutzig, stehen viel auf den Kanten. Wasser gestiegen.

Heute nachmittag hat sich das Eis zum 4. male festgesetzt.

31. Januar - In der vergangenen Nacht setzte sich das Eis wieder in Bewegung. Heute abend ist der Strom fast frei vom Eise. Man sieht nur noch Saumeis. Vom Oberrhein und von den kleinen Nebenflüssen ist noch etwas Eis zu erwarten. Bei Tiel steht das Eis noch. In Holland sind die Ufer weithin mit Eis bedeckt. Heute abend zeigt das Wasser den höchsten bisher erlangten Standpunkt. Luft ruhig und mild.

2. Mai 1894 - Das Jahr 1893 wie auch die schon verlebten ersten 4 Monate dieses Jahres war für uns eine von Gott gesegnete, glückliche Zeit. Weder haben uns schwere Krankheiten heimgesucht, noch sind in unserer und den verwandten Familien Sterbefälle vorgekommen. Dagegen haben die Kinder sämtlich die besten Fortschritte gemacht. (Siehe Notizen über deren Lebenslauf.) Meine liebe Frau wie auch ich erfreuten uns des besten Wohlseins.

Am 1. October vor. Jahres wurden es 25 Jahre, daß ich im Lehrerberufe stand. Mit mir legten in der letzten Hälfte des vor. Jahres noch 3 Collegen aus unserer Emmericher Special-Conferenz die 25jähr. Dienstzeit zurück, nämlich die Lehrer Benedict in Praest, Vennemann in Vrasselt und Schellens in Speelberg. Obwohl wir ständig über das Vorkommnis geschwiegen, kam es doch später zur Kenntnis der Collegen. Zur festl. Begehung des seltenen Zusammentreffens wurde uns am 10. März v.J. im Bürgerverein eine Jubelfeier bereitet, woran sich außer den Lehrern unserer Conferenz auch noch viele auswärtige beteiligten. Als Festgabe wurde jedem der Viere ein photogr. Gruppenbild, die Photographie der Lehrer unserer Conferenz enthaltend, überreicht.

Der Commers verlief in froher heiterer Stimmung!

2. Mai 1894 - Schon über ¼ Jahr lang herrscht hier und in der Umgegend eine der gefürchtetsten Kinderkrankheiten, die Diphterie. Derselben, sowie dem zeitweise aufgetretenen Croup, sind eine erhebliche Anzahl Kinder zum Opfer gefallen. Aus meiner Klasse starben 3 Kinder, Eugenie Wilson, Anna van Kuylenburg, Helene Klotzsch . Aus der ganzen ev. Schule sind bis jetzt 8 daran gestorben. Infolge des seuchenartigen Auftretens dieser Krankheit fiel im vor. Jahr 7 Wochen hindurch der Unterricht in allen Schulen, mit Ausnahme des Gymnasium aus. Gegenwärtig ist der Krankheit wegen die Schule in Hüthum auf 3 Wochen geschlossen worden. Dem Lehrer Hüsgen daselbst sind 3 seiner eigenen Kinder an Diphterie erkrankt.

Unter den Erwachsenen waren im Laufe des Winters viele an Influenza krank, verschiedenen brachte sie der Tod. Auch ich und nach mir meine Frau und Wilhelm haben diese Krankheit an eigener Person kennen gelernt. Unser lieber kleiner Richard litt einige Tage am Crouphusten. Wir sind dem lieben Gott für die gnädige Bewahrung und Wiedergenesung gar vielen Dank schuldig. Möge er fernerhin gnädig sein, nicht allein uns, sondern allen und die Trauer und Schmerzen lindern, die der Tod den Sterblichen in so reichem Maße mit sich führte.

Vorgestern abend hatte ich die große Freude, meinen wackeren Jugendfreund, den ich seit 1862 nicht mehr gesehen, zum Besuch empfangen zu dürfen. Es ist der Kaufmann Heinrich Böing (siehe Selbstbiogr.), der einer Geschäftsreise wegen hier war und mich nach so langer Trennung wieder aufsuchte. Die Freude des Wiedersehens war beiderseits eine reine und ungeheuchelte. Leider konnten wir nur einige Stunden zusammen sein, da ihn sein Geschäft zur baldigen Rückkehr über Wesel und Bocholt nach Barmen nötigte. Wir haben unsere Freundschaft weiterhin gelobt und hoffen, uns im Laufe eines Jahres wieder begrüßen zu dürfen.

Gesten empfingen wir von allen drei ältesten Söhnen Nachrichten aus ihrem gegenw. Aufenthaltsort. Gustav lud von Duisburg nochmals Mama zu Besuch ein, der schon lange geplant war. Heute ist sie mit Richard dorthin abgereist. Richard freute sich gar sehr des neuen Anzugs, den er vorher erhalten. Adolf schickte einen Gruß vom Hermannsdenkmal aus, das er auf seiner Geschäftsreise besuchte. Wilhelm schickte von Bonn seine Wäsche und machte dem Richard viele Freude durch das Beifügen niedlicher Spielsächelchen.

23. Juli 1894 - Die Pfingsttage, 13. und 14. Mai, waren für meine Frau und mich rechte Freudentage. An denselben ging der Wunsch in Erfüllung, Adolf und Wilhelm mal einen Besuch abzustatten. Meine Frau war schon seit dem 2. Mai in Duisburg. Am 11. Mai fuhr ich auch hin. Nachdem ich dort übernachtet fuhren wir, meine Frau und ich, früh 7 3/4 Uhr von Duisburg nach Köln. Hier hielten wir uns von 11 Uhr bis 3 Uhr auf und fuhren dann nach Siegburg. Hier trafen wir Adolf am Bahnhof, er war gerade von Wiesbaden angekommen. Abends fuhren wir 3 zusammen nach Bonn, woselbst uns Wilhelm am Rheine abholte. Wir suchten uns direct ein Unterkommen für die Nacht. Wir fanden ein solches gleich bei Schumacher am Markte. Hier verweilten wir noch zusammen ungef. 2 Stunden und legten uns dann zur Ruhe. Adolf schlief bei Wilhelm.

Früh 7 Uhr waren wir fertig zur Weiterreise. Zunächst gingen wir zu Fuß über die Koblenzer Straße, benutzen weiterhin die Dampfstraßenbahn bis Mehlem und fuhren hier über den Rhein nach Königswinter. Das Wetter war sehr angenehm, zum Wandern prächtig geeignet. Dieser Umstand und die herrlichen Aussichten überallhin stimmten uns alle recht fröhlich. Wir bestiegen nun den Drachenfels, auf dem wir etwas verweilten und die überraschend schönen Naturbilder betrachteten. An der anderen Seite nach Röndorf zu, gings wieder hinunter. Mit einem Nachen ließen wir uns über den Rhein setzen und bestiegen darauf Rolandseck. Waren auch die Wege schmutzig, so achteten wir doch hierauf nicht, sondern hatten nur Augen für die paradiesische Landschaft.

Vom Rolandsecker Bahnhof aus fuhren wir um 1 Uhr in's Ahrthal, jedoch nur bis Neuenahr. Hier bestiegen wir den Ahrberg, restaurierten abermals in einem Gasthofe und fuhren nach Remagen zurück. Es glückte uns, hier in der Wirtschaft von Becker am Bahnübergang ein sehr angenehmes und billiges Unterkommen für die Nacht zu erhalten. Die Familie Becker, evangel., zeigte sich recht zuvorkommend und überaus freundlich.

Am anderen Morgen fuhren wir um 8 Uhr mit dem Dampfboot nach Bonn zurück. Diese Fahrt in dem so schönen Rheinthale war die angenehmste auf der ganzen Reise. In Bonn verweilten wir des Nachmittags einige Zeit auf dem Venusberge, tranken in Bonn noch einige Glas Bier und begaben uns darauf zum Bahnhof. Hier verabschiedeten sich meine Frau und ich von Adolf und Wilhelm. Diese beiden verblieben nun noch des Abends zusammen in Bonn, während wir anderen nach Duisburg zurückfuhren und daselbst abends gegen 9 Uhr ankamen.

Am folgenden Tage fuhren wir dann des Nachmittags mit den lieben wieder in unseren Heimatsorthe Emmerich.

28. April 1895 - Auch in den Herbstferien des v. J. hatte ich das Vergnügen, den Rhein hinauf zu reisen, jedoch nur in Gesellschaft unseres Rudolf.

Wir fuhren früh morgens zunächst bis Calcum. Von hier aus wanderten wir über Kaiserswerth, woselbst ich Erkundigungen über die dortigen Verhältnisse am Lehrerinnenseminar einzog, nach Düsseldorf. Die schwüle Witterung wirkte wohl ermüdend, doch recht heiter und zufrieden langten wir im schönen Hofgarten an. Ein kurzer Gewitterregen trieb uns in das Sommerhäuschen auf dem Annanasberge. Wir erfreuten uns hier des gar lieblichen Anblicks auf das farbenprächtige Bild welches die nächste Umgebung bot.

In derselben Nachmittagsstunde, als wir beiden uns dieser gemütlichenRast erfreuten, tobte in Emmerich und Umgebung ein Orkan, welcher viele schwere Bäume entwurzelte und auch in unseres Nachbars Mazet's Garten einen Apfelbaum umwarf. Letzteres kam sehr willkommen, da Blutläuse denselben bevölkerten und solche auch unser kleines Apfelbäumchen von da aus schädigten.

Vom Hofgarten aus machten wir Spaziergänge nach verschiedenen Richtungen, besuchten Familie Ophoff, die uns freundlich bewirtete und uns noch ein von Gustav zurückgelassenes Skizzenbuch mitgaben, und logierten nachts im ev. Vereinshause.

Am kommenden Morgen gingen wir durch den Hofgarten zum Rhein und sahen zu, wie die Kavallerie über die Schiffsbrücke hinmarschierte und ihren Weg dann zum Einrücken ins Manöver fortsetzte. Gegen 11 Uhr verließen wir Düsseldorf. Wir fuhren nun bis Benrath und lustwandelten dort eine Stunde lang in den hinter dem Schloß sich hinziehenden großartigen Parkanlagen.

Nun ging die Fahrt weiter bis Mülheim und bald fanden wir uns aufs freundschaftlichste aufgehoben in der elterlichen Wohnung meines jungen Freundes und Collegen Brahsart. Die gastfreundliche Aufnahme, das frohe Zusammensein am Abend in Köln, wo besonders der Vater des Herrn Brahsart sich unserer annahm, der Besuch am folgenden Morgen in der Weberei von Andrae, sowie die Begleitung des Herrn B. bis zu unserer Weiterreise mit dem Dampfschiff wird mir gewiß noch recht lange in dankbarer Erinnerung bleiben.

Der Dampfer führte mich und Rudolf um 3 Uhr nachmittags weiter hinauf. Noch lange konnten wir die Kölner Kirchtürme sehen, noch länger die Spitzen der Domtürme; bald aber erblickten wir auch vor uns das nächste Ziel, die Stadt Bonn.

Wilhelm war durch Arbeit verhindert gewesen, uns am Rheinufer abzuholen. (Siehe die Notizen über Wilhlem's Lebenslauf.) Wir trafen ihn aber bald auf dem Wege dahin. Es war gegen 5 « Uhr. Der Abend war schön, und so war es dann auch recht lohnend, durch den Hofgarten, die Poppelsdorfer Allee, zum Arndt-Denkmal und von da zu einem schön gelegenen Restaurant am Rhein zu wandeln.

Nachdem dies geschehen, suchten wir unser Nachtquartier auf. Rudolf ging, nachdem wir uns vorher im Hotel Kellner, in der Nähe der Klinik, gemeinschaftlich an Speise und Trank gestärkt hatten, mit Wilhelm zu dessen Behausung, während ich mich in diesem Hotel zur Ruhe begab.

Gegen 7 Uhr des folgenden Morgens standen wir bereit, einen Ausflug nach Godesberg zu machen, Wilhelm blieb jedoch zurück, um in der Marienkirche zu arbeiten. Zunächst machten wir einen Spaziergang zum "Alten Zoll" und zum Friedhof, gingen noch zu Wilhelm in die Marienkirche, besuchten Familie Möslein und von Birgelen, in denen wir jedoch nur die Frauen zu Hause antrafen, wanderten weiter zur Münsterkirche und sodann dem Venusberge zu. Gegen 12 Uhr saßen wir auf Casselsruhe.

Das Wetter war überaus freundlich, und so wurde die weitere Wanderung über den Exerzierplatz und von da über die Höhe nach Godesberg, eine sehr genußreiche. Das Auge genoß die schönsten Fernsichten, für den Mund gab es noch Waldbeeren und Brombeeren der Fülle.

Vor und hinter Friesdorf schritten wir zwischen zahlreichen Obstgärten hin. Die Bäume vermochten den reichen Erntesegen fast nicht zu tragen, der Boden schien mir besät von Äpfeln, Birnen und Pflaumen. Dagegen sahen wir in den Weingärten, vor denen Rudolf zum ersten Mal stand, nur wenige Trauben. In Godesberg angelangt, stiegen wir sofort zur Ruine hinauf und klommen auch bald die 156 Stufen nach oben zur Plattform. War auch etwas Nebel in der Luft, so war doch die Freude groß, hier zu stehen und das Panorama nach allen Seiten hin zu bewundern.

Von Godesberg gings nach Rüngsdorf am Rhein und von dort nach Mehlem und weiter bis zur Restauration Rheinluft bei Küster, dem Drachenfels gerade gegenüber. Hier tranken wir gutes Bier und aßen dazu den Proviant, den wir uns in Godesberg gekauft hatten.

Von weitem erblickten wir Gustav's Wohnstätte, Honnef, und begrüßten ihn durch eine Postkarte, worauf wir ihm auch unser Erscheinen bei ihm am folgenden Tage anzeigten.

Abends gegen 6 Uhr fuhren wir mit der Dampfstraßenbahn nach Bonn zurück. Am "Alten Zoll" erwarteten wir Wilhelm, trafen ihn bald, und spazierten nun zu dreien zum "Schänzchen", einer Restauration am Rhein. Wir verweilten an dem schönen Abend hier noch lange bei Bier und Käseschnittchen. Nach einem sich hieran anschließenden «stündigen Zusammensein im Restaurant Kellner begaben wir uns zur Nachtruhe.

Am anderen Tage, Freitag den 30. August trat ich mit Rudolf die Tour ins Siebengebirge an. Um 8 Uhr fuhren wir mit der Dampfstraßenbahn von Bonn ab, waren um 8« Uhr in Mehlem, fuhren mit der Ponte nach Königswinter und standen um 10 Uhr auf dem Petersberge, den wir zu Fuß erstiegen hatten. Auch jetzt war der Horizont durch Nebel getrübt, doch waren wir überrascht von der herrlichen Aussicht nach S.O. ins Gebirge. Ich schickte von hier aus einen Gruß nach Burg bei Magdeburg zu meiner Nichte Lisette Nockemann.

Nun ging's an der entgegengesetzten Seite den Berg hinunter nach Kloster Heisterbach und von dort zum Ölberg. Dieser Marsch erforderte viel Anstrengung, da uns eine drückende Schwüle umgab. Die Restauration zur Rosenau bot uns einen willkommenen Ruhepunkt, an dem wir uns bestens stärkten. Langsam gings darauf weiter, steiler und steiler; doch erreichten wir glücklich um 2 Uhr 20 Min. die Spitze des Ölberg, 464,1 m hoch, den höchsten Berg des Siebengebirges.

Ich erwähne hierbei, daß die Löwenburg 458,9 m, der Lohberg 440,1 m, Nonnenstromberg 336,4 m, der Petersberg 336,8 m, die Wolkenburg 327,8 m und der Drachenfels 325,1 m hoch ist. Vom Ölberg aus schrieb ich eine Grußkarte nach Emmerich.

Das schmale Plateau des Ölbergs trägt eine kleine Restauration und ist geziert mit einer Fahnenstange, es bietet eine große Fernsicht ringsum, die für uns aber durch Nebel sehr beeinträchtigt wurde. Nach einem halbstündigen Aufenthalt dort oben gings hinab, vorbei am Margarethenhof, Sophienhof und der Löwenburg.

Um 5 Uhr saßen wir auf Rheingold, einer Restauration oberhalb Honnef. Mit großem Wohlbehagen ließen wir von hier aus unsere Blicke hinüber nach Honnef, Nonnenwert und Rolandseck schweifen und ich gedachte des Tages, an dem Gustav, Adolf und Wilhelm hier gemütlich weilten und in jugendlichem Übermut so lange dem Rheingoldgetränk zusprachen, bis ihnen die Beine den Dienst versagten. (Wohl im Juni vor. Jahres.)

Gegen 5« Uhr sahen wir dann endlich in Honnef den Gustav wieder. Der arme Sohn war früh morgens schon nach Königswinter, zum Petersberg und Drachenfels geeilt, um uns dort womöglich zu treffen.

Familie Fuchs nahm uns freundlich auf und sorgte reichlich für erquickende Speise und Trank. Am Abend machten wir drei noch einen Spaziergang zur Insel Grafenwert und saßen hier noch vergnügt bei einer Flasche Bier unter schattigen Linden am Rheinufer. Die Nacht verbrachten wir in Fuchs Wohnung.

Nach dem Morgenkaffee traten Rudolf und ich unseren Tagesausflug an. Gustav war durch Arbeit leider verhindert, versprach aber, nachmittags nachzukommen. Um 9« Uhr hatten wir die Höhe des Drachenfels erreicht, den Punkt, den man mit Recht die Perle aller Ausflugspunkte am Rhein nennen kann, der jahraus, jahrein Tausende anlockt, das Auge an den großen malerischen Umgebungen zu erfreuen. Leider hinderte uns auch hier wieder der Nebel, das Schöne so ganz zu genießen. Zum Andenken kaufte ich für Julius einen Federhalter mit der Photographie des Drachenfels.

Um 10 3/4 Uhr stiegen wir nach Königswinter hinab, den belebtesten Weg im Siebengebirge. Der Handel mit "Reiseerinnerungen" ist ein gar lebhafter, für den Richard nahm ich von hier ein Eselchen und seltene Steinchen mit.

In Königswinter versahen wir unsere Taschen mit Eßwaren, setzten auf das linke Rheinufer über und wanderten dort von Mehlem bis zum Aufstieg nach der Rolandsruine. Ehe wir diese besichtigten, lenkten wir unsere Schritte zum "Alten Vulkan", auf dem Rodenberge. In der Restauration daselbst erfrischten wir uns an einer Flasche guten Biers (50 Pf) und betrachteten dann mit Muße die prächtige Aussicht nach Godesberg und dem Siebengebirge, wozu uns ein großes Fernrohr gute Dienste leistete. Auch bot das Restaurationsgebäude an sich viel Sehenswertes: Alle Wände, Decken und Säulen sind mit verschiedenfarbigen Schlacken aus den alten Kratern bedeckt und mittels derselben die hübschesten Ornament gebildet.

Ein kleiner Weg zurück bracht uns bald zu dem berühmten Rolandsbogen, dem Rest der zerstörten Rolandsburg. Hier genießt man eine wundervolle Aussicht auf den Rhein, Nonnenwerth und das Siebengebirge, vornehmlich auf den Drachenfels. Ebenso schön hierauf ist die Aussicht von dem etwas tiefer, auf einem hervorstehenden Felsen gebauten "Tempel" aus, den wir gleichfalls betraten.

Ein Weg durch schön gelegene Weingärten führte uns nun zum Bahnhof Rolandseck. Hier erwarteten wir Gustav, der mit der Ponte, die dem Bahnhof gegenüberliegt, ankommen mußte. Endlich war er da, und nun ging's zu dreien zu Fuß nach Remagen. Wir kamen auf diesem Wege an mächtigen Felswänden und den im Rheinbett liegenden Unkelsteinen vorbei, die früher den Schiffern gefährlich waren. In Remagen restaurierten wir uns bei Becker und fuhren um 8« Uhr mit dem Zuge zurück nach Rolandseck.

Eine Stunde später saßen wir wieder wohlbehalten bei Familie Fuchs.

Nun kam der 2. September, der Sedantag, diesmal ein Sonntag. Schon um 8 Uhr war Wilhelm von Bonn aus angekommen. Wir machten an diesem Tage eine gemeinschaftliche Fußtour über Unkel und Erpel nach Linz, woselbst wir in einer Gartenwirthschaft zu Mittag speisten (Backwerk, Wurst und Bier). Zu Ehren des Tages wurde am Rhein, gerade unseren Sitzen gegenüber, mit Böllern geschossen und hatten viele Häuser und alle Schiffe geflaggt.

Wir begaben uns von Linz aus auf den Weg zur Landskrone, den ersten hervorragenden Berg im Ahrthale. Von der Ahrmündung durchwanderten wir auf Fußwegen die Wiesen, Felder und kleinen Ortschaften, kamen an Kripp, Sinzig, Bodendorf und Losdorf vorbei, pflückten Herbstzeitlosen, langten hier und da nach Obst, das in Fülle auf dem Boden lag und standen endlich am Fuße der Landskrone. Ein langer, doch bequemer Weg führte uns nach oben. Unterwegs fanden wir viele Brombeeren und genossen vortreffliche Aussichten nach den Thälern hin. 2 reizende Landschaften hat Gustav skizziert.

Um 5 Uhr standen wir auf dem mit Trümmern einer großen Burg bedeckten Plateau und sahen hier eine halbe Stunde lang in die nahe und ferne Umgebung, die sehr interessant ist. An der steilen Bergwand nach Heimersheim zu stiegen wir hinab, wobei wir recht ans Laufen kamen. In der dortigen Restauration, dem Bahnhofe gegenüber, warteten wir auf den Eisenbahnzug, der uns zur Rückkehr nach Remagen und Rolandseck dienen sollte. Um 7« Uhr fuhren wir ab, um 9« Uhr trafen wir wieder in Honnef ein. Von der Ponte aus erfreute uns noch der Anblick auf ein hübsches Feuerwerk und Illumination in den Räumen eines Rolandseckers Hotels am Rhein.

Den folgenden Tag benutzen wir zum Besuch der Löwenburg. Rudolf und ich stiegen um 9« Uhr hinauf und waren um 11 Uhr oben. Dort hatten wir gar keine Aussicht, die Kuppe war ganz in Wolken gehüllt. Wir kehrten vom Gipfel zurück und warteten in der Restauration der Försterwohnung auf Gustav und Wilhelm, die dann auch bald erschienen.

Im Regenwetter ging's nach Röndorf hinab, wo wir noch kurze Zeit im Garten sitzen konnten und waren gegen 1 Uhr wieder in Honnef. Nachmittags konnten wir des Regenwetters wegen nicht ausgehen. Abends 10« Uhr mußte uns Wilhelm wieder verlassen und nach Bonn zurückfahren.

Am folgenden Morgen machte ich mit Rudolf eine Spaziergang nach Königswinter. Als wir wieder zu Mittag in Honnef waren, war ein Postbote da, der uns von Emmerich zugeschicktes neues Reisegeld überbrachte. Rudolf und ich konnten nun den Plan, noch den Laacher-See zu besuchen, ausführen.

Um 2 Uhr saßen wir dann auch schon im Eisenbahnzug, der uns nach Leutesdorf brachte, von wo wir nach Andernach über den Rhein gingen, mit der Bahn nach Niedermendig fuhren und dann dem noch 1 Stunde entfernten See zuschritten. Zwischen Niedermendig und dem See sahen wir die ausgedehnten Steinbrüche, verschiedene Schlackenlager und viele Bodenvertiefungen, die uns an früher tätige Krater erinnerten.

Um 5 ¬ Uhr standen wir vor dem fast kreisrunden, von bewaldeten Höhen umgebenen stillen See. Er ist 5 qkm groß und fischreich. Nachdem wir an denselben herangetreten und die stille Fläche beschaut, besuchten wir das Kloster Maria Laach, welches am östl. Ufer liegt und jetzt den Benedictinermönchen gehört. Wir betraten aber nur die Klosterkirche, die in sehr schönem Rundbogenstile erbaut ist, doch von außen schöner ist als im Innern. In dem nicht weit davon liegenden Hotel hielten wir Rast und schrieben nach Emmerich eine Grußkarte.

Gern hätten wir hier lange verweilt und uns in der freundlichen Stille wohl mehrere Tage aufhalten mögen; doch mahnte die wenig freie Zeit zur Rückkehr am selbigen Abend. Um 7« Uhr befanden wir uns schon wieder am Niedermendiger Bahnhof und fuhren um einige Minuten vor 8 Uhr nach Andernach zurück. Nachdem wir hier im Hotel zum Laacher See zu Abend gegessen, fuhren wir nach Remagen, woselbst wir im Hotel zum Vicotriaberg ein gutes und billiges Nachlager fanden (3,50 M mit Morgenkaffee für uns beide).

Am folgenden Morgen spazierten wir zur Apollinariuskirche, konnten aber nicht ins Innere gelangen, gingen noch kurze Zeit den Rhein entlang, verweilten noch 1 Std. in Beckers Restauration und fuhren um 11¬ Uhr mit dem Schiff nach Bonn (Vorkajütte 75 Pf die Person).

Um 12« Uhr waren wir wieder bei Wilhelm und saßen um 1 Uhr am Mittagstisch bei Gastwirt Kellner. Nach Verabschiedung von Wilhelm in der Marienkirche fuhren wir um 4 Uhr mit dem Boot weiter nach Köln. Hier kauften wir für Richard die ihm versprochenen "Blitze" und setzten uns 6 3/4 Uhr auf den Eisenbahnzug und eilten mit diesem wieder der Heimat zu. Hier kamen wir dann wohlbehalten wieder um 12 Uhr nachts an.

7. November 1896 - Auch in den Herbstferien des vor. Jahres machte ich eine Reise den Rhein hinauf, um dort Adolf in Köln und Wilhelm in Honnef zu besuchen. Adolf holte mich am Bahnhof ab, worauf wir uns in den "Kaiserhof" begaben und das lang entbehrte Wiedersehen in heiterem Gespräch genossen.

Am folgenden Tage machte ich eine Fußtour von Köln nach Brühl. Unterwegs sah ich von ferne den militär. Übungen zu, wobei sich auch Adolf befand, den ich leider aber nicht mehr treffen konnte.

In Brühl machte ich zuerst eine Wanderung durch den herrlichen Park und besuchte auch sodann die inneren Räume des prächtigen Schosses, dessen Treppenhaus weltberühmt ist. Um 11 Uhr fuhr ich weiter nach Bonn. Hier verweilte ich längere Zeit am "Schänzchen", wo ich die herrliche Aussicht auf das Siebengebirge genoß und fuhr dann mit der Pferdebahn nach Godesberg. Nachdem ich mir hier die Anlagen der Badeanstalt besehen, wanderte ich der Mehlemer Rheinfähre zu. Gegen 4 Uhr war ich in Königswinter. Nach längerer Rast ging ich nun nach Honnef zu Meister Baumann, bei dem ich freundlich aufgenommen wurde und den Wilhelm bald begrüßen konnte. Es waren sonnenhelle, ja oft heiße Tage, die ich hier in Honnef und der Umgegend zubrachte.

An einem der schönen Tage besuchte ich mit Wilhelm das Ahrthal bis Altenahr, dessen Schönheit auf uns einen bleibenden Eindruck machte.

An den Abenden verweilten wir viel in dem Hause der Gebrüder Dix, mit denen Wilhelm in freundschaftlichem Verkehr stand.

Am 1. September fuhr Wilhelm mit mir nach Köln. Hier haben wir den Nachmittag in Gesellschaft mit Adolf, Familie Wilh. May und anderen Bekannten verbracht. Wir besuchten ein Militärconcert und wanderten abends durch die Straßen, um die Illumination zu betrachten. Wir kehrten in einige Gesellschaftslokale ein und übernachteten dann bei einer Freundin der Frau May. Adolf hatte sich frühzeitig in die Kaserne begeben.

Am folgenden Tage, am 2. September, hatte Adolf auch des Nachmittags frei. Wir benutzten dann diese Stunden noch zu einem Spaziergange nach Deutz. Die Hitze war an diesem Tage fast unerträglich. Hier kaufte ich einige Feuerwerkskörper für Richard. Abends reisete Wilhelm wieder nach Honnef, Adolf und ich besuchten noch einige Lokale in Köln und verabschiedeten uns gegen 9 Uhr bei Mays. Nachdem ich hier übernachtet, reisete ich den anderen Morgen nach Duisburg zurück. In Duisburg hielt ich mich noch einige Tage auf und war am 5. Septbr. wieder daheim in Emmerich.

Wie in Köln, so wurde an allen Orten die 25jährige Wiederkehr des Sedantages recht volkstümlich gefeiert. Hier in Emmerich fand sie am 15. Septbr. statt. Das Volksfest wurde in den Räumen der Gesellschaft "Borussia" abgehalten.

3. September 1897 - In dem vorigen Jahr, namentlich in den Herbstferien hatten wir zahlreichen Besuch von Verwandten und Bekannten aus Duisburg und Essen.

An Fräulein Tony Brandt, Tochter des Hauptagenten und Bürgermeisters a.D. Brandt in Crefeld und Enkelin der Eheleute Michels von hier, die wir bei einem kleinen Gesangfest im Polderbusch kennen lernten, fand unsere Auguste eine sehr angenehme Freundin. Tony Brandt hat sich dem Berufe der Lehrerinnen an höh. Töchterschulen gewidmet und besucht jetzt zur weiteren Ausbildung das Aachener Seminar. Das Freundschaftsverhältnis ist bis jetzt ein gutes geblieben.

Von Duisburg aus besuchte uns die ganze Familie Königshofen, abwechselnd kam die eine, dann die andere der 5 Personen. Von Essen war zuerst Fritz Kalthoff hier und blieb 4 Wochen. An einem Tage besuchten wir mit ihm seine Mutter in Cleve und machten dort miteinander eine Wagenpartie. An einem Tage war seine Mutter auch bei uns zum Besuch. Zu Weihnachten kam dann auch noch Gustav K. herüber.

Der Reichtum des Schwagers Haase aus Essen läßt es zu, eine lange Zeit im Jahr mit Reisevergnügungen zuzubringen. Doch haben wir namentlich an der Schwägerin stets wieder von neuem wahrnehmen müssen, daß Geiz und Habsucht sie mit den ihrigen zu keinem einträchtigen Familienfrieden kommen läßt. Weihnachten versprach Haase unserem Gustav, ihm im kommenden Herbst auch Arbeit zukommen zu lassen. Auf meine Anfrage, die ich dieserhalb später an ihn richtete, gab er nicht mal Antwort, ebenso wenig auf einen 2. Brief. Ich habe nun den Verkehr mit Haase und Frau abgebrochen.

Die diesjährigen Herbstferien verlaufen ruhiger und angenehmer, da wir uns über keinen übermäßigen Besuch zu beklagen haben.

Meinem wiederholt an den Schulvorstand gerichteten Gesuch, uns vor unsere Wohnung an der Treppe eine Thür herrichten zu lassen, um nicht mehr dem Einwirken des Schulstaubes und der Zugluft so sehr ausgesetzt zu sein, ist man endlich nachgekommen. Schreiner Röder ist in dieser Woche mit der Anfertigung dieser Thür beschäftigt. Obwohl sehr langsam daran gearbeitet wird, wird sie doch wohl in einigen Tagen fertig sein.

Um eine kleine Erholung und Zerstreuung zu haben, bin ich im vor. Sommer dem Kegelclub "Unter uns" als Mitglied beigetreten und habe ich seitdem an dem Kegelvergnügen jeden Samstagabend auf der Lamerschen Kegelbahn regelmäßig teilgenommen. Der Club ließ sich im vorig. Jahr einmal behufs Anfertigung eines großen Bildes photographieren. Im Juni d.J. machte er einen Ausflug mit Damen nach Cleve. Auf diesem Ausfluge wurde von Photogr. Massing ebenfalls eine Aufnahme gemacht. Von jeder Aufnahme habe ich mir ein Exemplar als Andenken gekauft.

8. März 1898 - Am 3. November v.J. war es uns beschieden, den Tag unserer silbernen Hochzeit zu feiern. Diesen Tag können wir als den schönsten betrachten von allen, die wir in unserer Familie verlebten. Die Freude war vor allem darum eine so große, weil alle Kinder zugegen waren. Gustav und Rudolf waren von Straßburg, Wilhelm von Colmar, Auguste von Frankfurt und Adolf von Suderwick herübergekommen. Sämtliche Familienglieder konnten in bester Gesundheit an der Feier teilnehmen.

Als Verwandte feierten mit: Großmutter Ducoffre, Gerh. Königshofen und Frau, Frau Dinsing, Frau Leyendecker, Wilhelm und Henriette Heerbeck, Gertrud Königshofen und der kleine Wilhelm Leyendecker. Als Gäste waren anwesend: Pfr. Reinhard und Frau, Pfr. Vielhaber, Collegen Baum, Brahsart und Strelow, Freund May nebst Frau und Tochter Wilhelmine und Frl. Borlinghaus und Frl. Friederike Manderfeld aus Duisburg.

Abends vorher wurden meine Frau und ich von den Verwandten beglückwünscht, und diese Feierstunde war für uns der schönste Teil des Festes. Gegen 9 Uhr erfreute uns der "Liederkranz" durch Darbringung eines Ständchens. Glückwünsche und Angebinde von Freunden und Bekannten durften wir in reicher Anzahl entgegennehmen. Zum bleibenden Andenken an diesen glücklichen Tag ließen wir uns nachmittags bei Hill photographieren. Das sehr wertvolle, trefflich ausgeführte Bild bildet jetzt den Hauptschmuck unseres großen Wohnzimmers. Die abendliche Feier verlief zu allseitiger Befriedigung unter Toasten, Spiel und Gesang und Festvorträgen. Der Tag erhielt dadurch noch eine erhöhtere Bedeutung, daß ich und Richard unseren Geburtstag feierten.

Am 4. Nov. machten viele der Feiernden einen Ausflug zum Polderbusch und am Abend dieses Tages reiseten die Duisburger Gäste und Wilhelm wieder zurück. Dem lieben Gott sei Lob und Dank, daß wir diesen Tag in solch schöner Weise feiern durften.

10. März 1898 - Die nun bald wieder vergangene Winterzeit zeigte fast ohne Unterbrechung eine so gelinde Temperatur, wie sie wohl in 20 Jahren nicht gewesen ist. Nur in der vergangenen Woche hat es an einzelnen Tagen stark geschneit. Der Schneefall reichte jedoch nicht hin, um mit dem Schlitten über die Straßen fahren zu können.

Seit dem 11. Febr. bin ich an einer Ohrspeicheldrüsenentzündung erkrankt. Dieselbe hat anfänglich wohl viele Schmerzen bereitet, doch ist seit dem 28. das Übel vollständig gehoben und bin ich jetzt so weit wieder hergestellt, daß ich den Schulunterricht, den ich 3 Wochen lang aussetzen mußte, am nächsten Montag d. 14. März wieder aufnehmen kann.


Lehrer F.W. Kalthoff - Elementarschule Emmerich