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Auszug aus der Chronik des Lehrers Kalthoff

Erinnerungen aus früheren Jahren

Es war in der heil. Christnacht. Ich mochte wohl 2-3 Jahre alt sein, Plötzlich schallte von draußen her mehrstimmiger Chorgesang, wovon die Eltern, meine Schwester und ich erwachten. "Wat es dö?" riefen wir Kinder. "Still!" sagte meine Mutter, "de Engel singen en Lied vam Christkinncken." Das hielt ich für wahr und konnte vor inniger Freude nicht wieder einschlafen. Später hörte ich, daß es Mitglieder eines Gesangvereins gewesen waren.

Es herrschte in Plettenberg damals die Sitte, daß der dortige Gesangsverein alljährlich in der heil. Nacht durch die Straßen der Stadt und durch umliegende Dörfer zog, um die Schlafenden durch Darbringung bekannter Weihnachtslieder zu wecken und zu erfreuen. Mehrere Jahre hindurch konnte ich mich noch solch köstlicher Feier erfreuen.

Bei geschmücktem Weihnachtsbaum zu feiern, erlaubten sich in meiner Kindheit nur wenige bemittelte Familien; doch auch unsere dreiklassige Volksschule.

Mein Vater illuminierte dafür das Fenster unseres Wohnzimmers, indem er einige Lättchen übereinander befestigte, darauf mit Öl und Docht gefüllte halbe Walnußschalen setzte und Lämpchen anzündete.

Unsere Geschenke bestanden aus einem Teller voll Spekulatius, Nüsse und Äpfel, danebenliegenden, von der Mutter gestrickten Handschuhen, Shawls etc. und dem "Kärl met de Piepe", der nicht fehlen durfte. Dieser "Kärl" wurde am Neujahrstage in die Suppe gebrockt.

Einmal erhielt ich einen schön braungestrichenen Handschlitten, was mich außerordentlich erfreute und von dem ich an den Wintertagen reichlich Gebrauch machte. An Bilderbüchern und besonders Modellierbogen fehlte es auch nicht. Die Zusammensetzung von Krippen und Landschaften war für mich immer ein Hauptvergnügen. (Später baute ich einmal den Kölner Dom auf, den ich meinem sterbenskranken Bruder schenkte.)

Das willkommenste Bilderbuch war das sogenannte Neujahrsbüchlein, das sämtl. Schulkinder regelmäßig in der letzten Schulstunde vor Weihnachten als Geschenk erhielten. Schönere Bilder, als diese ungefähr 24 Seiten enthaltende Büchlein enthielten, gab es für uns Kinder nicht. Die Gedichtchen und Geschichtchen darin wurden eifrigst gelesen. Für diese Gabe bekam denn der Lehrer nach Neujahr 5 oder 10 Silbergroschen, auch wohl einen blanken Taler eingehändigt (von dem, der so freigiebig sein konnte).

Doch belohnte man auch hiermit zum Teil die Mühe, die der Lehrer mit der Anfertigung des Neujahrsbriefes für Eltern und Verwandte gehabt hatte. Zu diesen Briefen durfte nur das feinste, mit Bildchen und Sprüchen gezierte Papier verwendet werden, die Schrift mußte die schönste und sauberste sein. Mit der Überreichung dieser Briefe dankten dann die Kinder zu Neujahr ihren Eltern für Mühe und Sorge bei ihrer Erziehung, den Verwandten für gezeigtes Wohlwollen und wünschten ihnen alles Gute für die Zukunft.

War mit solcher Sitte auch wohl manche Unzuträglichkeit verbunden, so hatte sie doch einen nicht geringen erzieherischen Wert. Warum sollten die fest gesetzten kindlichen Dankeserweisungen weniger am Platze sein als z.B. ein festgesetzter Buß- und Bettag? - Jetzt hat man in den Schulen keine Zeit mehr für die "lästige" Sache.

Eine eigentümliche Sitte war an den Fastnachtstagen das "Taiwenbieten" (in die Zehen beißen). Jungen und Mädchen suchten, wo sie sich gelegentl. eines Besuchs zusammenfanden, unverhofft den Fuß des einen oder der einen oder anderen zu erwischen, den Schuh schnell auszuziehen und kräftig in die Zehen zu beißen, was dann natürlich ein großes Geschrei und Gelächter verursachte. An den Tagen sangen die Kinder:

"Fastelabend, komm tie Äwend (zu Abend),

"Klingele op te Miste,

"Mouder, giewe mi en warmen Stuten

"An dö de Buöder tuschen.

Ein besonderes Fastnachtsessen bestand im Pfannekuchen mit Speck oder Wurst. An ein Verkleiden wurde kaum gedacht.

Wie an anderen Orten, wurde auch in meinem Geburtsorte zu Ostern fast immer ein Osterfeuer angezündet. Plettenberg liegt im anmutigen Tale der Else, einem Zufluß der Lenne und eingeengt zwischen 2 ca. 180 m hohen ziemlich steilen Bergen, dem Hessenberg im Süden, dem Kirchlöw im Norden. Am Abhange des Kirchlöw, in ungefähr 100 m Höhe, war ein Platz frei gemacht zum Aufrichten des Osterbaumes und des Schanzenhaufens. Von diesem Punkte aus hatte man eine schöne Aussicht über die Stadt, auf den gegenüberliegenden Hessenberg und über die weiteren Talflächen im Osten und Westen.

An den 4 Sonntag-Nachmittagen vor Ostern zogen junge Burschen in die umliegenden Gebüsche und holten von dort Bündel von trockenem Ginster und Buschholz herbei zur Feuerstätte. Auch ich half einmal mit schleppen, aber heimlich vor meinen Eltern, denn die wollten es nicht zulassen, an einem Sonntag sich mit Holztragen zu beschäftigen.

An einem Tage in der Charwoche begaben sich dann so ein Dutzend handfeste junge Männer in einen wohl eine Stunde weit entfernten Wald, um dort mit Erlaubnis des Waldbesitzers den mächtigen Mastbaum zu holen. Sie trugen ihn den ganzen Weg auf ihren Schultern, vorn auf saß der Führer. Eine wahre Anstrengung war es, den schweren Baum den Berg hinunterzuschaffen. Da mußten denn an einigen Stellen Stricke mithelfen.

Auf der Feuerstätte wurde im oberen Teil ein leichterer Ast als Querholz angebracht und dann der ganze Baum mit vielem Stroh umwickelt, auch das Querholz. Nachdem man dann noch die Enden durch einen Strohkranz mit dem Baum verbunden und Teertonnen aufgesetzt waren, richtete man ihn in einer Vertiefung auf und legte die reichlich vorhandenen Schanzen und sonstiges noch herbeigeschaffenens altes Brennholz darum.

So stand denn der Osterbaum bis zum Abend des ersten Ostertages. Hunderte von Leuten kletterten dann den Berg hinauf, um dem Feuerwerk möglichst nahe zu sein. Unter Gesang, Hoch- und Hurrahrufen wurde dann der Schanzhaufen in Brand gesetzt. Die lodernden Flammen stiegen allmählich höher und höher und erreichten auch die Spitze mit der Teertonne, die Arme des Kranzes und deren Enden mit den Brandkörben. War oben auf dem Berge lustiges Jauchzen, so unten auf den Straßen der Stadt Zujubeln nach oben. Der weithin leuchtende Feuerschein hielt wohl 2-3 Stunden an. Vielerseits herrschte unter den Teilnehmern an solcher Osterfeier helle Begeisterung.

Die durch die Veranstaltung entstandenen Kosten wurden durch freiwillige Gaben gedeckt, den verkohlten Baum schenkte man als Brennholz einer armen Familie.

Alljährlich gingen die Eltern mit uns Kindern zur Kirmes in Eiringhausen, einem Dorfe gegenüber der Mündung der Else in die Lenne, eine halbe Stunde von Plettenberg entfernt. Da war es noch in den 1850er Jahren Sitte, daß einer der beiden Pfarrer unserer Gemeinde hinging, um dort auf freiem Platze unter einer uralten Eiche Gottesdienst abzuhalten. Erst nach Beendigung desselben durften dann die Verkaufsbuden aufgeschlagen werden und der Tanz im Saale neben der dicken Eiche beginnen.

Ich ging darum so gern zu dieser Kirmes, weil ich wußte, daß da Conditorbuden mit so wohlschmeckenden Apfeltorten standen, die nur 4 Pf kosteten und von denen ich mir etliche kaufen durfte.

Einmal machten wir bei dortigen Bekannten einen Besuch; ich muß noch sehr jung gewesen sein, da meine Mutter mich meisten auf ihrem Schoße hielt. Gegen Abend fühlte ich mich so sehr unwohl, daß ich bitterlich zu weinen anfing. Eine unstillbare Sehnsucht nach Hause überkam mich, die erst nachließ, als wir wieder daheim waren. Ich weiß, daß mich später eine Wunde am Kopf oder Arm nicht so empfindlich schmerzte als das Heimweh in frühester Kindheit. Es war das Gefühl großer Angst und Verzagtheit.

Gerne gedenke ich noch des lieben Schulkameraden Albert Stahlschmidt, dessen Eltern in unserer Nachbarschaft wohnten und einen kleinen Kolonialwarenladen besaßen. Im Winter spielten wir zusammen Domino. Mühle u.s.w., klebten aus Modellierbögen Häuschen zusammen, gossen in blechernen Formen Talgkerzen und trieben allerlei Ulk. Im Sommer machten wir gemeinschaftiche Ausflüge in die Umgegend und setzten uns abends zuweilen auf einen Balken eines sogen. Rahmens am Kirchlöw, der zum Aufspannen und Bleichen selbstgefertigten Leinens diente. Dann sangen wir zweistimmig: Gold'ne Abendsonne, Seht wie die Sonne dort sinket, Des Morgens in der Frühe etc.

Leider erkrankte der junge Freund zu bald uns starb schon in seinem 12. Lebensjahr. Oft habe ich an seinem Krankenlager gesessen und um ihn recht getrauert. Meine Eltern verkehrten auch gern mit der Familie Stahlschmidt, war meine Mutter doch auch eine geborene Stahlschmidt und wohl noch etwas verwandt mit ihr.

Durch Vermittlung meines Vaters, der in schriftl. Verkehr mit dem Herausgeber des Sonntagsblattes für innere Mission, Inspektor Engelbert in Duisburg, stand, erhielt eine verstorbene Schwester des Albert, ein schönes, frisches Mädchen, eine Anstellung beim Prinzen von Waldeck in Cleve. Mein Vater brachte sie persönlich dorthin. Wie lange sie dort gelebt hat, weiß ich nicht, wohl 1 - 2 Jahre. Eine Augenentzündung veranlaßte die Rückkehr ins elterliche Haus.

Mein Vater war ein eifriger Protestant, er stand in regem Verkehr mit verschiedenen christlichen Anstalten, mit dem Missionsverein in Barmen, mit der Diakonenanstalt in Duisburg, mit der Diakonissenanstalt in Kaiserswerth, mit dem Gustav-Adolf-Verein u.a. Er bewirtete alle nach Plettenberg kommenden Kollektanten und war ihnen behülflich. Eine Vergütung hierfür beanspruchte er nicht.

Die Kirche wurde von allen Familiengliedern selbstredend jeden Sonn- und Feiertag besucht. Unsere Wohnstube schmückten außer dem Bild mit Christus am Kreuz und dem Herrscherpaar Friedrich Wilhelm IV und Gemahlin die 4 Reformatoren Huhs, Luther, Melanchthon, Calvin, Zwingli. An Lesestoff aus den gen. Anstalten fehlte es nie. Fast täglich mußte ich bei der Post die zahlreich einlaufenden Zeitschriften und Brief abholen.

Am Samstag kam regelmäßig das Paket mit gegen 20 Stück Sonntagsblättern aus Duisburg. Diese hatte ich dann am folgenden Vormittag, meist vor dem Gottesdienst, auszutragen, was ich mit Freuden tat. Zu Neujahr erhielt ich dann auch wohl von einigen Abonnenten ein kleines Trinkgeld, einen Silbergroschen oder gar ein "Kastemännchen" (2« Silbergroschen = 30 Pf).

Am liebsten brachte ich das Sonntagsblatt dem General Schirmer, einem Bruder des Pastors, der bei diesem wohnte; der gab mir öfter einen Groschen und war ein gar freundlicher Herr. Er war pensioniert.

Meine Mutter ist in jeder Hinsicht für ihre Kinder ein Vorbild gewesen. Ihr ganzes Verhalten, sowohl anderen gegenüber, als im Kreise unserer Familie, zeugte von liebevollem Entgegenkommen und Widerwillen gegen Unsitte und Falschheit, von Aufrichtigkeit und Gelassenheit, von Verachtung des bloßen Scheins, von Arbeitsamkeit und Ordnungsliebe.

Sie konnte sich sehr ereifern, wenn wir Kinder uns etwas zu Schulden kommen ließen, weinte aber, wenn der Vater uns bisweilen zu streng behandelte.

Hülfsbedürftige taten bei ihr nie eine Fehlbitte; obwohl sehr sparsam, teilte sie doch gern und ohne Bedenken dieses oder jenes mit ärmeren Nachbarn oder notleidenden Freunden.

Wir hatten außerhalb der Stadt, wohl ¬ Std. von unserer Wohnung entfernt, 2 weit voneinander liegende gemischte Gemüsegärten, noch weiter ein Kartoffelfeld und zu Hause eine Ziege. Das gab denn viel anstrengende und unaufhörliche Arbeit für die Mutter; doch mit Freude gab sie sich derselben hin und war sehr vergnügt, wenn eine gute Ernte ihre Mühe belohnte. Blumen pflegte sie dabei im Garten und zu Hause. Die Fensterbänke waren stets mit Blumentöpfen besetzt.

Gar sorgfältig bewahrte sie Kleider und Wäsche. Keiner von uns Kindern durfte es wagen, ihre Kommode zu öffnen. Zur Mitarbeit im Garten, auf dem Felde und beim Hausputz wurden wir tüchtig herangezogen. Gegen Frieren im Winter hatte sie stets beizeiten gesorgt; gute wollene Kleidung, Handschuhe, dichte Schuhe u.s.w. fehlten dann nie. Strümpfe hat sie für mich noch nach meinem 30. Lebensjahre gestrickt.

Einen tief religiösen Sinn zeigte sie bis zu ihrem Tode. Als sie wegen ihrer kranken Beine nicht mehr zur Kirche gegen konnte, las sie zu Hause im Predigtbuche. Seit sie keinen Garten mehr zu bearbeiten hatte, war viel von ihrem Frohsinn dahin. Besonders hat ihr das abgeschlossene Dasein in Duisburg nicht gefallen. An Plettenberg hat sie mit viel Wehmut immer wieder zurückgedacht.

Eine große Freude machte es ihr noch, als sie mich im Juli 1881 in Emmerich besuchen konnte und wir im Wagen einen Ausflug nach Moyland und Cleve machen konnten. Zu Fuß konnte sie nicht mehr gehen. (Näheres unter "Allerlei Begebenheiten") Ihr freundliches, von großer Liebe verklärtes Angesicht schwebt mir noch immer lebendig vor meiner Seele. Ich bedauere sehr, von ihr kein Bild zu besitzen. Unsere Bitte, sich doch einmal photographieren zu lassen, schlug sie stets rund weg ab. Das hielt sie für zu eitel und selbstgefällig.

Bevor die Eisenbahn fertig war, die das Lennetal mit dem Kohlenbezirk verbindet, stand den Bewohnern Plettenbergs zum Heizen nur Holz zur Verfügung, das die umliegenden Gebüsche und Waldungen hergeben mußten. Die weniger bemittelten Leute holten ihren Bedarf selbst herbei. Trockenes Holz durften sie überall suchen, an manchen Stellen auch junges gesundes abhauen. Infolgedessen standen die leicht zu erreichenden Berge fast wie rasiert da.

Nur in Pastor Schirmers Waldung hinter dem Kirchlöw konnten Eichen-, Buchen- und Fichtenstämme in die Höhe kommen. Hier wurde das Abhauen nicht geduldet und es herrschte Aufsicht. Auch das Laubholen war hier untersagt. Der Hessenberg blieb verschont, weil er wegen des vor demselben herfließenden Elsebachs fast unzugänglich war. Nur über einen schmalen Steg konnte man zu demselben gelangen.

Was unsere Familie an Holz und Laub bedurfte, mußten mehrere Jahre hindurch meine 2 Jahre ältere Schwester Luise und ich herbeiholen. Das geschah wöchentlich zweimal, in den Ferien noch öfter. In den Herbstferien mußte auch der Bedarf für den Winter geholt werden. Vor oder hinter dem Hause wurde dann ein recht hoher Holzstoß aufgeschichtet.

Zogen wir hinaus, so geschah das immer in Gesellschaft mehrerer Nachbarskinder. Oft waren wir zu 6 - 10. Unser Ziel war am liebsten "Auf dem Lüwen", einem eine halbe Stunde weit liegenden kleinen Gebirgssattel, der bequem zu erreichen war und in dessen Nähe fast immer viel trockenes Holz zu finden war; wenn nicht, so ging es etwas weiter, zuweilen gar bis zum Hochwald, in "der Mark".

Zum "Lüwen" gingen wir auch deshalb gern, weil da ein kleiner Bauer wohnte, dessen Frau und Kindern wir immer willkommen waren, und die uns an heißen Tagen zum Durststillen mit kühlem Wasser versorgten, das sie aus dem sehr tiefen Brunnen schöpften. Zum Essen hatten wir Butterbrote genug in den Taschen.

Hier war der Sammelplatz der sich zum Reisigsammeln verstreuten Knaben und Mädchen. Es dauerte oft lange, bis sie alle zur Stelle waren. Einige hatten das Holz in einem tief liegenden Grunde gesucht, andere hatten ein Eichhörnchennest gefunden und sich beim Klettern nach demselben zu lange aufgehalten, wieder andere hatten sich zu weit gewagt und hatten Mühe, ihr Bündel durch das dichte Buschwerk zu ziehen. Das Ausruhen dauerte dann auch noch eine gute Weile.

Nicht weit vom Sattel standen wir dann gerne an einem prächtigen Aussichtspunkte, um das sich in Windungen vor uns liegende Lennetal zu überschauen, die nahe Ruine Schwarzenberg zu betrachten und vor allem zuzusehen, wie an dem Eisenbahntunnel gearbeitet, der Felsen gesprengt wurde, um für die Lenne ein neues Bette und für die Bahn eine gerade Strecke zu gewinnen. Dann hörten wir in der Ferne auch wohl das Posthorn erschallen und sahen, wie lange es dauerte, ehe der Postwagen die Windung im Tale umlaufen hatte. Endlich fiel es uns ein, daß es Zeit war, nach Hause zu gehen.

Schnell sprangen wir zu unseren langen und schweren Bündeln, setzten die "Steike" fester ein (eine 2zinkige, hölzerne Gabel mit langem Stiel), luden das vordere Ende des Bündels auf die rechte Schulter und fingen an zu schleppen. Ganz munter marschierte nun der lange Zug bergab, dabei lautschallend allerlei Lieder singend, z.B. "Wenn die Bauern den Hafer dreschen, müssen wir den Käfer fressen - uns geht's wohl, uns geht's wohl".

Die Eltern freuten sich, wenn wir glücklich wieder angelangt waren und ein tüchtiges Bündel mitgebracht hatten.

Im Frühjahr blieben wir oft länger aus, weil wir nebenbei Vogelnester gesucht hatten. Hatte einer eines gefunden, so sagte er den anderen nichts davon, oder er nahm ihnen das ernstliche Versprechen ab, es niemanden anderes zu verraten. Das Nest sollte erhalten bleiben. Die Vogelarten in der Umgegend lernten wir dadurch gut kennen.

Im Herbst kamen wir auch manchmal an volltragenden Obstbäumen vorbei. Abgefallenes Obst auflesen war erlaubt, aber dasselbe abzuwerfen, an den Bäumen zu schütteln, war uns von den Eltern streng verboten. Aber die Verführung war auch bei mir zuweilen zu mächtig und ich warf doch nach den Birnen etc.

Durch Weitererzählen kam es mehrere Male zu den Ohren meines Vaters, der dann nicht säumte, mich recht hart mit der Rute zu züchtigen. Diese Hörte konnte ich ihm später noch kaum verzeihen. Eine ernste Ermahnung hätte wohl genügt.

Klausen bei Lüttringhausen bei Lennep, so hieß es auf der Adresse der Briefe, die mein Vater zuweilen an seinen Schwager Gottlieb Nockemann schrieb. Feilenhauer G.N. war mit einer Schwester meiner Mutter verheiratet.

Ein lang gehegter Wunsch, diese Verwandten einmal zu besuchen, kam im Sommer 1857 zur Ausführung. Diese Reise sollten wir Kinder, meine Schwester, 13 Jahre und ich, 11 « Jahre alt, mit machen. Natürlich mußte der 12 Stunden lange Weg hin und zurück zu Fuß zurückgelegt werden. Ein beständiges Wetter wurde abgewartet. Eines schönen Morgens zogen wir dann zu dreien, mein Vater und wir beiden Kleinen, aus. Schon um 3 Uhr verließen wir Plettenberg und kamen bei besten Kräften um 8 Uhr in Lüdenscheid an. Nach einer kurzen Rast bei einem guten Bekannten machten wir uns wieder auf die Reise und waren gegen 10 Uhr in Halver. Freundliche Bekannte, die mein Vater auch hier hatte, nahmen uns zum Ausruhen wieder auf, wir wurden dazu noch gut bewirtet, nahmen vergnügt Abschied und wanderten wieder weiter.

Ich weiß nicht mehr, ob meine Schwester und ich ermüdet waren; mein Vater hatte sich aber die Fußsohlen wund gelaufen und zog sich wollene Fäden durch die Blasen. Gegen 12 Uhr waren wir in Rade vor'm Wald. Hier kaufte mir mein Vater einen hübschen Spazierstock, woran ich eine außerordentliche Freude hatte. Die Leute in dem Hause verwunderten sich sehr darüber, daß wir schon weit hergekommen waren und stärkten uns bestens durch eine schöne Mittagskost. Unterwegs wurde nun in Lennep noch einmal Halt gemacht.

Zwischen hier und Lüttringhausen kamen wir am Denkmal von Adolf Clarenbach vorbei, dem Reformator des Bergischen Landes, der in Cöln als Ketzer verbrannt worden war. Wir betrachteten das Denkmal mit Ehrfurcht. (Gelegentl. eines Besuchs, den ich bei Nockemanns im August 1908 machte, stand ich mit Nichte Lisette N. und deren Schwägerin Emma, der Frau meines Vetters Hermann N. am 17. August wieder an diesem Denkmal und gedachte mit Wehmut des Tages, als ich mit meinem Vater und meiner Schwester vor fast genau 51 Jahren auch hier verweilte.)

Es mochte wohl 4 - 5 Uhr sein, als wir uns endlich in dem Örtchen Klausen, « Std. hinter Lüttringhausen, am Ziele sahen. Hier wurden wir nun mit großer Freude empfangen. Die Müdigkeit war bald überwunden. Nachdem wir ordentlich gegessen und getrunken , spielten meine Schwester und ich draußen mit Nichte Lisette, die damals 8 Jahre alt war. Vetter Richard, 6 Jahre, war augenkrank und hielt sich mehr zurück. Der einjährige Hermann lag im Bettchen.

Der Abend war schön, und wir hielten uns nur draußen auf. Da lauschten wir auch der Ziehharmonikamusik, die vom Hofe eines Nachbarhauses zu uns herübertönte. Am nächsten Morgen machten wir uns bereit, einen Spaziergang nach Elberfeld und Barmen zu machen. Hatte uns der erste Tag der Reise so herrliche Aussichten in die weite, weite Ferne über so viele Berge und Täler; Städte und Dörfer gebracht, so sollten wir am 2. Tage das Leben in Großstädten kennenlernen und sogar im Eisenbahnzug fahren.

Unsere Augen hatten denn auch genug Beschäftigung, als sich das Häusermeer vor ihnen auftat und wir bald die breiten Straßen der lang sich hinstreckenden Wupperstädte durchschritten. Mit meinem lieben Stock stieß ich herzhaft auf das Pflaster und blickte dabei auf die vielen Schaufenster. Da! Knatsch, lag der Stock auf der Erde und die abgesprungene Krücke, das schönste daran, daneben. Ein eilend daherkommender Mann hatte ihn mir aus der Hand getreten. Laut fing ich über diesen herben Verlust an zu weinen. Mein Onkel kaufte mir wohl dafür in einem Laden einen neuen; doch der war nicht so schön als der verunglückte. Ich konnte den Verlust nur langsam verschmerzen.

Nun kamen wir bald an den Bahnhof in Barmen. Wir schickten uns an zur Mitfahrt nach Elberfeld. Mit einiger Angst wagte ich mich in das Abteil IV. Klasse, die aber schnell schwand, als der Zug in Bewegung kam und wir vom Fahren fast nichts spürten. Gern wäre ich noch länger gefahren.

Auf dem Rückweg nach Klausen mußten wir gehörig klettern, die Straßen dahin waren recht steil. Vor abend saßen wir wieder bei der Tante und erholten uns von der neuen Strapaze.

Schon an dem folgenden oder darauf folgenden Tage traten wir die Rückreise in die Heimatsstadt an, da mein Vater wohl keinen längeren Urlaub hatte. Wir machten wieder denselben Weg, den wir gekommen waren, unterwegs uns erholend wie auf der Hinreise. Zu Hause gab es dann viel zu erzählen, ebenso bei den Spielkameraden, von denen noch niemand so weit in die Welt gekommen war.

Einige Zeit nach dieser Reise, im Oktober 1857, erkrankte meine Schwester. Es stellte sich Nervenfieber ein, das an Heftigkeit zunahm. Wir wurden sehr besorgt, und viele Bekannte erkundigten sich angelegentlich nach ihrem Befinden. Pfarrer Schirmer, wie auch ihr Lehrer Op‚ besuchten sie.

Die Hoffnung auf Genesung schwand immer mehr, und am 19. Oktober schied sie von uns zur ewigen Ruhe. Wie sehr beliebt sie überall gewesen war, zeigte sich am 22. Oktober. Außer den 3 Schulklassen und den beiden Pfarrern Schirmer und Paffrath, nahmen sehr viele Freunde und Bekannte an dem Begräbnisse teil, alle freiwillig. Am Sterbehause, unterwegs und auf dem Friedhofe sangen die Schulkinder Grablieder, wovon das Lied "Wer weiß, wir nahe mir mein Ende" den tiefsten Eindruck auf mich machte. In der Grabrede, die Pfarrer Paffrath hielt, wies er vornehmlich auf die Auferweckung von Jairi Töchterlein hin. Noch lange wurden wir bedauert um den Verlust des schönen Kindes mit dem goldlockigen langen Haar und dem munteren, freundlichen Gesicht.

Meine Eltern schmerzte der Verlust sehr und haben sehr lange um sie getrauert. Sie hatte ihnen doch so viel Freude bereitet, so oft Geschenke für sie gehabt. Unter anderem hatte sie schon so schön genäht, gestrickt und gehäkelt. Noch viele Winter hindurch trug mein Vater den braunen wollenen und langen Shawl, den Luise für ihn angefertigt hatte. Auch ich habe meine Schwester recht lieb gehabt. Zum Andenken an sie bewahre ich noch immer die einfache Griffelbüchse, die sie während der Schulzeit bei sich führte. Von ihrem Grabe steckte ich ein Reislein zu mir und bewahrte es lange Zeit.

Kurze Zeit nach ihrem Tode (oder war es einige Tage vorher?) kam von Klausen die Trauerkunde, daß auch unsere gute Tante, die einzige Schwester meiner Mutter, gestorben war. Ich sehe meine Mutter jetzt noch weinend vor der Haustür stehen und mit einer Nachbarin sich über diesen Trauerfall unterhalten.

In meinem 13. Lebensjahre wechselten meine Eltern ihre Wohnung. Wir verließen das Haus des Schmiedes Stein, das nicht weit der Kirche lag und worin ich so glückliche Kinderjahre verlebt hatte und zogen in den unteren Stadtteil zu Schneider Ahsmann. Ich mußte nun mehr lernen und kam nur noch selten dazu, aus dem Walde Brennholz zu holen. Wir kauften auch schon Steinkohlen, die mit der neuen Eisenbahn ankamen.

Am 14. April 1861 sollte ich confirmiert werden. Um einen guten und billigen Confirmandenanzug zu bekommen, wollte mein Vater mit mir nach Iserlohn gehen und dort einen fertigen kaufen. Als Tag für die Reise wählte er einen Sonntag vor Ostern. Ich konnte den Tag kaum abwarten. Früh um 5 Uhr wollten wir aufbrechen.

Da fing es in der Nacht an stark zu regnen. Wer nun zu Hause bleiben wollte, war mein Vater; wer hieran aber gar kein Gefallen hatte, war ich. Schlafen konnte ich nicht, ich lauschte immer wieder, ob es zu regnen aufhöre und trat wiederholt ans Fenster. Der Regen ließ denn auch nach, der Himmel wurde klar.

Da ließ ich mit Bitten, die Reise zu wagen, nicht nach. Das verdroß meinen Vater so sehr, daß er aufsprang, sich mit lautem Unmut ankleidete und sich zum Gehen fertig machte. Stillschweigend bereitete auch ich mich schnell dazu vor.

Bald hatte meine Mutter Butterbrote genug eingepackt und wir begaben uns dann auf den Weg.

Der aufgeweichte Boden machte uns das Gehen wohl beschwerlich, aber danach frug ich nichts, und der Regen hatte vollständig nachgelassen. Der Groll meines Vaters hatte sich aber noch nicht verzogen, er sprach mit mir kein Wort. Erst als wir nach 2 stündigem Wandern ungefähr 1 Stunde von Werdohl das Lennetal verlassen und rechts den Berg hinaufsteigen mußten, gönnte er mir einige Worte und fragte, ob ich noch nicht müde sei. Mit Freude versicherte ich, daß ich noch gut gehen könne und kam nun noch leichter vorwärts.

Wir standen bald an einem Punkte, von wo sich das Lennetal sehr schön überschauen ließ. Da waren wir beide überrascht von dem herrlichen Anblick. Wie dichter Schnee überzog das Lennetal ein undurchsichtiger weißer Nebel, aus dem an den Seiten die hohen Pappeln und Fichten nur noch mit ihren Spitzen hervorsahen und darüber breitete sich klarblauer Himmel und Sonnenschein. Nur langsam konnten wir uns von diesem prachtvollen Naturbild trennen. Ein schöneres sah ich bisher nicht wieder.

Nachdem wir unserem Proviant gut zugesprochen, ging es nun rüstig und munter weiter. Ein Häschen sprang vor uns über den Weg. Das regte noch mehr zum vergnügten Dahinschreiten an. Unser Weg führte uns immer weiter bergauf, über ein recht hoch gelegenes Gebirge. Das erweiterte aber mehr und mehr die Aussicht in die Ferne. Bald lag ein Land vor uns, dessen unzählige Bergrücken und Spitzen einem Meer voll Wolken glich. Die Sonne, welche den ganzen Tag schien, erwärmte uns auf dem Hinwege schon so sehr, daß wir gern ein kühles Plätzchen zum kurzen Ausruhen aufsuchten. Gegen 10 Uhr kamen wir in Iserlohn an, wohin uns der Weg noch eine halbe Stunde lang bergab geführt hatte.

In einem jüdischen Tuchwarengeschäft hatten wir bald einen passenden Anzug gefunden. Das Bezahlen desselben dauerte aber wohl noch länger als das Aussuchen. Der Verkäufer wollte ihn für das Angebot meines Vaters durchaus nicht hergeben. Erst nach zweimaligem Verlassen des Ladens und nach zweimaligem Wiederhereinrufen wurden sich die beiden einig und konnte mir das Paket mit der umstrittenen schönen Kostbarkeit auf den Arm gelegt werden.

Bei einem Bekannten, die mein Vater hier mehrere hatte, aßen wir zu Mittag und traten darauf den Heimweg an, gingen denselben Weg welchen wir gekommen waren. Die Reise, die so trübselig begonnen hatte, endete in schönster Zufriedenheit.

Die Confirmation verlief in der herkömmlichen Weise. Unser Confirmationsschein enthielt als den allen Confirmanden gemeinschaftlich gegebenen Dankspruch das Zwiegespräch zwischen Jesus und Petrus am See Tiberas: "Simon Johannes, hast du mich lieb? etc."

Am Nachmittage machten viele der Confirmanden einen Ausflug nach einem Ort an der Lenne. Ich nahm daran nicht teil. Dazu war meinen Eltern und auch mir der Tag zu ernst.

In der Kirche waren mein Mitschüler Wilhelm Schäfer und ich als die ältesten zuerst eingesegnet worden. Mit diesem Knaben mich "gepaart" zu sehen, war mir recht angenehm; wir waren junge Freunde geworden. Gemeinsam hatten wir oft die Waldungen durchstreift, Holz geholt und gebadet, und Fische und Krebse gefangen, gemeinsam auch zu Hause gespielt und Schularbeiten angefertigt.

An seiner körperlichen Gewandtheit hatten viele ihr Vergnügen. Turn- und Kletterkünste vollführte er am besten. Oft war er aber gar zu waghalsig, und dieses sollte sein Unglück werden. Zwei Jahre nach der Confirmation hörten wir in Eilpe bei Hagen, wohin wir verzogen waren, von einem uns besuchenden Bekannten, daß mein lieber Schulkamerad den Tod dadurch gefunden habe, daß er zum Vergnügen in ein stillstehendes Wasserrad eines Hammerwerks gesprungen sei, um sich etwas zu legen, daß sich das Rad aber plötzlich in Bewegung gesetzt habe und er beim Hinausspringen zwischen Rad und Mauer geraten und dort zermalmt worden sei. Dieses schreckliche Ende traf die Eltern um so härter, weil er der einzige Sohn war, der später ihre Bäckerei und Conditorei übernehmen sollte, und weil ihnen einige Jahre vorher ihr erster Sohn als Soldat in Mainz gestorben war.

In den Herbsttagen 1861 wurde von der Krankheit, an der meine Schwester 4 Jahre vorher gestorben war, vom Nervenfieber, auch mein 6 « Jahre jüngerer Bruder Gustav befallen. Ich wohnte damals zur weiteren Förderung meines Studiums für den Lehrerberuf in Werdohl. Zum Besuche meines kranken Bruders ging ich eines Tages nach Hause, wohin mich mein Freund Heinr. Böing begleitete.

Meine Eltern wohnten jetzt mitten in der Stadt, am Kirchplatz. Als wir im unteren Stadtteil angelangt waren, kam ein kleiner Junge auf mich zugeeilt mit den Worten "Dein Bruder ist tot." Das traf mich wie ein Blitz und auch mein Freund erschrak heftig. Er wollte im ersten Augenblick lieber wieder umkehren. Dann gingen wir aber um so schneller der elterl. Wohnung zu. Kaum war ich da so fing ich laut zu weinen an, doch meine Eltern begrüßten uns mit Freuden und trösteten uns mit den Worten: "Nein, er ist nicht tot, er hat die Kriesis überstanden, er wird wieder gesund werden." Da verwandelten sich meine Tränen in Freudentränen.

Anderen Tages konnte ich mit H. Böing die Rückfahrt nach Werdohl wieder wohlgemut antreten. Wir fuhren mit dem Zug der noch nicht lange fertigen Eisenbahn. Mit dem Zuge waren wir auch wohl gekommen.